Gedanken eines Verzweifelnden von B. P. für LGN

Gedanken eines Verzweifelnden „Wie es in den Wald ruft, so schallt es wieder zurück“

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Wir sehen keine großen Unterschiede – Foto: http://mixology.eu Verein gegen Rassismus in der Gastrnomie

Es geht um uns. Es geht immer nur um uns. Um unser Verhalten im Alltag. Gegenüber den Kollegen, den Freunden, der Familie, schlicht allen Menschen, die uns am Tag, in der Woche, im Jahr begegnen. „Wie es in den Wald ruft, so schallt es wieder zurück“ heißt das Sprichwort. Das kann man jetzt abtun als Schwachsinn oder sonst etwas, oder man denkt darüber nach. Ist Ihnen das nicht auch schon aufgefallen? Dass, wenn Ihre Laune und Ihr Gemüt guter Dinge sind, die Welt es Ihnen ebenso wiedergibt? Mit glücklichen Zufällen, schönen Begegnungen und/oder tollen Erfahrungen? Wie wir in die Welt rufen, so schallt sie zurück.
Neulich saß ich in der Straßenbahn auf dem Weg zum Bahnhof. Die alten US Kasernen am Randgebiet wurden zu Notunterkünften für Geflüchtete umfunktioniert. So ergab es sich, dass nach zwei Stationen die Bahn erheblich bunter war, als ich dass eigentlich von der Strecke gewohnt bin. Ich sah mich um und musste schmunzeln, da nun bestimmt die Hälfte der Menschen nicht weis waren. Mich freute das, einigen der Umsitzenden ging das augenscheinlich nicht ganz so.
Mein Blick traf den eines jungen Mannes. Wir lächelten uns kurz zu und keine zwei Sekunden später sitzt er bereits neben mir, gibt mir die Hand und wir kommen in ein Gespräch. Mit Abdul aus Gambia habe ich das Vergnügen. Er ist seit nunmehr knapp sechs Monaten in Deutschland und spricht dafür wirklich gutes deutsch. Mit dem Verstehen hapert es hier und da, aber als ich ihm anbiete ins Englische zu wechseln, das er mindestens genau so gut beherrscht wie ich, lehnt er ab. Seine Begründung war, dass er deutsch lernen möchte unbedingt. Ihm gefällt es hier, er kann sich eine Zukunft hier vorstellen und möchte sich diese auch Aufbauen. Und dazu muss er zu aller erst die Sprache lernen, sagt er.
Wir unterhalten uns etwa zwanzig Minuten über dies und jenes und ich helfe ihm den Straßennamen richtig auszusprechen, damit er pünktlich zu seinem Termin kommt.
Ich freue mich innerlich wie ein kleines Kind über das, was hier passiert. Es ist nichts außergewöhnliches, schlicht menschlich. Zwei Menschen die dasitzen und reden. Es hat mich sehr gefreut, dass es sich zu mir gesetzt hat und wir uns etwas kennenlernen konnten.
Eine Station vor meiner ist seine Zeit gekommen. Wir verabschieden uns herzlich und ich sehe ihn noch in der Masse verschwinden. Mit ihm steigen noch einige andere Schwarze aus. Ich sehe mich in der Bahn um und bemerke, dass das einige Leute fast schon freut. Der Herr mir gegenüber fängt sogar leicht an zu grinsen, als die Menge nach draußen treibt. Er war mir davor schon aufgefallen, als er sich umsah und manche meiner Äußerungen mit teils großem Unverständnis durch Kopfschütteln oder Laute meinte kommentieren zu können.
Direkt nach dieser schönen Begegnung konnte er mir nur leid tun. Ich wusste, dass er sich nicht wie ich freut, über Abdul und die ganzen anderen. Ich wusste auch, dass er nicht nachvollziehen konnte, warum ich mich mit diesem Fremden unterhalten habe, und er es eher noch störend und unpassend fand.
Ich steige aus. Anfänglich noch etwas genervt von dem Mann und den anderen Menschen in der Bahn, die so engstirnig waren und sich lieber die ganze Zeit anschwiegen, statt sich zu unterhalten.

Doch dann ist mir aufgefallen was da passiert ist. Zwei Menschen unterhalten sich. Der eine schwarz, der andere weis. Der eine aus Gambia, der andere aus Deutschland. Menschlichkeit. Es geht immer nur um uns. Um jeden einzelnen von uns. Jeder entscheidet für sich selbst.
Ich hätte genau so gut einfach nicht lächeln oder die Kopfhörer in den Ohren stecken lassen können, hab ich aber nicht. Ich habe mich dafür entschieden mich mit Abdul zu unterhalten, mir seine Geschichte und Gedanken anzuhören. Und er genau so. Ich finde das ist der schönere Weg. Keine Abschottung oder Ausgrenzung, keine verschobenen und verqueren Ideologien auf Grundlage von was auch immer.

An den Flüchtlingen sind wir selbst schuld.
Das kann man verstehen, das kann man begreifen, das kann man leugnen. Aber an der Situation und der Arbeit, die vor uns liegt, ändert das nichts. Unser Verhalten – und damit meine ich zwar auch „die da oben“ aber vor allem den Otto- Normalverbraucher- stellt jetzt die Weichen für die nächsten Jahrzehnte hier. Wir können so aktiv wie selten unsere Umwelt und unser Zusammenleben gestalten.

Geht raus, helft den Menschen wo ihr nur könnt! Zeigt ihnen eure Stadt und Lieblingsplätze, helft ihnen bei der Sprache und sich im Alltag zu orientieren. Geht freundlich miteinander um und habt euch lieb. Es wird bestimmt nicht leicht und es wird mit Sicherheit heftigen Gegenwind von grenzdebilen, dunkelbraunen besorgten Bürgern geben, aber eines wird es mit Sicherheit: sich lohnen!
Wir haben es jetzt in der Hand unser Zusammenleben neu zu erfinden. Menschen sind wir alle. Ob weis, schwarz, blau, gelb, grün, rot, homo, hetero, androgyn, Christ, Jude, Moslem, Buddhist, Hindu und so weiter, scheiß egal! Liebe ist das, was am Ende bleibt. Ist das, was den Menschen menschlich macht. Wo Hass hinführt sollten gerade wir tollen Deutschen wissen. Wobei das schon zu viele vergessen haben, wenn ich mich so umschaue…
Es geht immer nur um uns und unsere Entscheidungen. Also lasst uns ganz einfach jeden Menschen so behandeln, wie wir selbst gerne behandelt werden möchten. Frei von Hautfarbe, Religion, Nation, Geschlecht oder sonstigen Nichtigkeiten.
Wie es in den Wald ruft, so schallt es auch wieder heraus.

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