02.10.2016: Der Wunsch nach einem Großdeutschland? – v. JM für LGN

Die Zerrissenheit der Einigkeit und die Chance für rechte Kader

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Foto: Der neue Geist in Deutschland ? Ein Grund zum Feiern. PEGIDA, AFD, NPD und rechte Kader wünschen sich etwas anderes als eine bunte Einheit (Foto aufgenommen in Dresden bei einer PEGIDA Versammlung) – .n-tv.de

Wer heute noch „Ossi“ oder „Wessi“ sagt, sollte sich fragen lassen, was er damit meint. Die Einheit Deutschlands sollte so wunderschön werden. Was sehen wir 2016. Während der Einheitsfeiern in Dresden rechnet man mit einer großen Präsenz von Nazis, Rechtsextremen, Wutbürgern und Rechtspopulisten die Salz in das tolle Fest und die Suppe spucken möchten. Am 03. Oktober wollen sie mit Trillerpfeifen und rassistischen Phrasen ein Zeichen für Deutschland setzen, das ist deren Vorhaben. Dabei sind die PEGIDA Jünger beteiligt, die angeblich für das „Christliche Abendland“ kämpfen, welches es irgendwie gar nicht gibt. Heute hat der Oberbürgermeister von Dresden Dirk Hilbert schon das Vergnügen von solchen Fehlgeleiteten als „Volksverräter“ (alter Nazijargon/ sogar damals per Gesetz) betitelt zu werden gehabt, als er Vertreter der islamischen Gemeinden im Rathaus empfing. Der Fokus der Polizei und des Staates liegt allerdings auch auf die Gegendemonstrationen und linken Gruppen die gegen die Präsenz der Rechten berechtigterweise mobil machen. Das durften wir 2009, 2011, 2012 und 2013 live miterleben (vielleicht ein sächsisches Phänomen?)

Schon 1990 marschierte vielerorts der „Nationale Widerstand“ auf

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Foto: Nazis 1990 direkt nach der Wende auf dem Alexanderplatz Berlin- faz.de

Mit Verlaub, schon 1990 wollten Nazis bei diversen Feierlichkeiten zur Einheit aufmarschieren. Ich erinnere mich an Hamburg. Dort wollten sie über die Reeperbahn und den Kiez marschieren. „Für Deutschland“- so die Losung. Die Träume eines großen machtvollen Deutschlands kursierten durch die Stadt. Hatte nicht ganz geklappt, denn die Menschen des etwas kriminalisierten Kiezes hatten überhaupt keine Lust auf Glatzen und Bomberjacken die als „Nationaler Widerstand“ marschieren. Hier benötigte man nicht einmal starke Polizeikräfte. Man regelte es , wie auf St. Pauli üblich, selbst.

Kurz nach der Wende gab es die ersten Pogrome gegen Menschen mit „Migrationshintergrund“ (ein gruseliges Wort). Mölln, Solingen, Lichtenhagen, Hoyerswerda-um nur einige zu nennen. Was uns dabei auffällt, eben nicht nur im Osten Deutschlands, denn Mölln und Solingen liegt bekanntlich in Schleswig Holstein und Nordrhein Westfalen.

Die Mär, der Osten würde von Nazis durchsetzt sein, besteht heute immer noch. Auch heute schaut niemand nach Dortmund, und die Fußballstadien von so Vereinen wie Eintracht Frankfurt, Eintracht Braunschweig und vielen anderen Westclubs.

Wer sich, so wie ich und viele meiner Freunde, 1990 eine bunte Republik mit Menschen aus aller Welt wünschte., eine Welt ohne Grenzen (die hatte man ja gerade entfernt), der dürfte 2016 bitter enttäuscht sein. Das was wir heute sehen ist mehr als erschreckend. Rechtspopulisten wie die der AFD ziehen in zehn Landtage ein und werden wohl auch 2017 im Bundestag sitzen. Rechte Phrasen sind nicht nur öffentlich wahrzunehmen, sondern in Kneipen, auf der Straße und sonst wo. Gegen Europa ist die Losung, die wir immer wieder wahrnehmen. „Die Briten hätten es richtig gemacht“-so ist es zu hören.

Die Forderungen wie: eine eigene nationale Währung, eine Einrichtung von Grenzen (auch zu den Partnern Europas), ein Stop für Flüchtlinge-krakelt es manchmal aus Leuten heraus, denen ich dies nie zuvor zugetraut hätte. Man erklärt uns immer wieder, dies sei der Politikverdruss-die da oben sind es die uns wütend machen. Dabei merken diese Menschen nicht einmal, dass eine Demokratie die Möglichkeit bietet mit zu gestalten. Demokratische Mittel heutzutage zu vermitteln ist gar nicht so einfach. Die Dunkelziffer derer die noch nicht einmal wissen wie der Bundestag gewählt wird, dürfte ziemlich hoch sein. Nicht im Osten, nein in Deutschland.

Der Grundgedanke eines friedlichen Zusammenlebens verschiedener Kulturen, Religionen und Menschen aller Nationen, der letztendlich auch die Einheit 1990 begleitete, ist irgendwie abhanden gekommen. Wir verspüren nicht mehr den „Schrei nach Liebe“ den wir auf den Straßen Ostdeutschlands 1989 und auch im Westen wahrnahmen.

Der Wunsch nach einem starken Deutschland ist wieder deutlicher zu hören. Eben „Großdeutschland“ mit der Macht wie es ihm zusteht. So interpretieren wir den anwachsenden neuen Rechtsruck in diesem Lande. Dieser war immer da. Eine starke Einheit repräsentieren momentan Rechtspopulisten und Nationalisten mit ihrem Rassismus, ihrer Menschenverachtung und dem Verbreiten von Ängsten. Schlimm ist nur, sie treffen auf einen Nährboden, den wir unbedingt nicht zulassen dürfen.

Wir wollen da nicht wieder hin, wo wir 1945 aufgehört haben. Gruselig! Die Einheit 1990 hat viele, auch ungewollte Tendenzen empor gebracht die wir heute spüren können. Wir sagen: Nie wieder geschlossene Landesgrenzen! Nie wieder Terror und Diktatur einer Elite und dem Gefolge! Nie wieder Pogrome und staatliche Morde!

Zu viele Tote und Opfer rechte Gewalt, um glücklich zu sein!

Der Arbeitskreis gegen Rechtsextremismus gedachte in seinem Marsch der Toten durch Rechte Gewalt. Symbolisch für die fünf Dortmunder Toten wurden fünf Särge getragen. Namensschilder mit den Opfern Rechter Gewalt in Deutschland

Der Arbeitskreis gegen Rechtsextremismus gedachte in seinem Marsch der Toten durch Rechte Gewalt. Symbolisch für die fünf Dortmunder Toten wurden fünf Särge getragen. Namensschilder mit den Opfern Rechter Gewalt in Deutschland

Bildquelle: nordstadtblogger.de

Seit der Wiedervereinigung wurden über 170 Tote durch rechte Gewalt recherchiert. Skandale in den Behörden wie dem Verfassungsschutz (Beispiel NSU) gehörten zur Tagesordnung. Immer wieder wollte man uns weiß machen, dass wir kaum ein rechtes Problem in diesem Lande haben, dabei begleitet es uns täglich. Über 1.000 Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte 2015. Eine Erhöhung der Straftaten von Rechts mit vielen Opfern bis heute, sollte uns doch noch einmal zu denken geben, was in den letzten 26 Jahren eigentlich schief gelaufen ist.

Hier nun noch nachgereicht, die Recherche der Amadeu Antonio Stiftung und vieler Journalisten zu der Anzahl der Todesopfer durch rechte Gewalt seit 1990.

„Einige Medien, die Initiative Mut gegen rechte Gewalt, das Netz gegen Nazis, der Verein Pro AsylOpferfonds Cura und regionale Opferberatungsstellen führen eigene Chroniken zu rechtsextremen Gewalttaten. Der Tagesspiegel und die Frankfurter Rundschau hatten seit 1990 Opferchroniken geführt. Die Wochenzeitung Die Zeitübernahm und erweiterte diese. Ihre Chronik führte bis September 2010 bis zu 156 Todesfälle auf rechtsextreme Motive zurück.[26] Nur 73 davon hatte die Bundesregierung bis dahin anerkannt. Deshalb veranlassten einige Bundesländer eine interne Überprüfung. Nur Brandenburg beauftragte ein externes Forschungsinstitut, das Moses Mendelssohn Zentrum (MMZ), ältere Fälle zu prüfen. Das Zentrum bildete einen unabhängigen Expertenkreis, der Einblick in Polizei- und Ermittlungsakten sowie manche Gerichtsurteile erhielt. Die Amadeu Antonio Stiftung ist in diesem Kreis vertreten und überprüfte anhand der staatlichen Akten ihrerseits die ihr bekannt gewordenen Todesfälle. Sie kritisiert die staatliche Statistik als verzerrt, weil das BKA darin nur Taten aufnehme, für die eine gefestigte rechtsextreme Tätergesinnung als „tatauslösend und tatbestimmend“ nachweisbar sei. Das erfasse weder die Perspektive von Angehörigen und Zeugen noch sozialdarwinistische oder rassistische Tatmotive von „Alltagsrassisten aus der Mitte der Gesellschaft“ angemessen. Die gemeinsame, einzige bundesweite Todesopferliste der Amadeu Antonio Stiftung führt die Angaben anderer Initiativen zusammen, wird ständig aktualisiert und berücksichtigt sowohl Taten von eindeutigen Rechtsextremisten als auch Tötungsdelikte, „bei denen eine sozialdarwinistische und rassistische/rechte Motivation mindestens eine tatbegleitende bis tateskalierende Rolle gespielt haben.“ Bis Ende Juli 2015 nannte sie 178 Todesopfer und 11 Verdachtsfälle.[27]

Diese verteilen sich wie folgt auf die Einzeljahre:

 

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