21.10.2015: Der perfekte Staat? „Welcome to Astoria“ (Landestheater Linz) – Ein Interview von Ben für LGN

IMG_1127 Szenenfoto: Sandra Fox

 

Der perfekte Staat

Wie gründet man einen Staat? Und warum? Und: Wird alles besser, wenn der Staat neu ist? Weil dann alles wieder auf Null steht und alle die gleichen Chancen haben?

Der Hamburger Regisseur Dominik Günther inszeniert am Linzer Musiktheater derzeit das Stück „Welcome to Astoria“, in dem er diesen Fragen nachgeht. In der Adaption des Romans „Astoria“ von Jura Soyfer erfinden die Landstreicher Hupka und Pistoletti den Staat ASTORIA, den prompt eine amerikanische Gräfin ihrem Gatten zum Geburtstag schenkt. Und schon startet auf der Bühne eine Rap & Comic-Performance mit der Hip Hop-Band TEXTA und dem Live-Zeichner Lukasz Aleksander Glowacki aka MAMUT, die das Publikum als neue Staatsbürger mitnimmt. Die Premiere ist am 23. Oktober im Neuen Musiktheater Linz/Österreich.

Interview: Ben Kähler

Herr Günther, es gibt viele Menschen, die sich wünschen, dass einfach mal alles anders wäre. Wäre ein neuer Staat DIE Lösung?

Das ist eine schwierige Frage. Zunächst hört es sich ja ganz simpel an: Wir gründen einfach einen neuen Staat, stellen alles auf Null und dann wird für alle alles gut. Aber gucken wir uns doch mal an, wie wir überhaupt leben: Eigentlich haben wir uns doch fast alle ziemlich gemütlich in unserem bestehenden Staatssystem eingerichtet – und es verbietet sich, etwas zu hinterfragen. Das haben wir an der Griechenlandkrise gesehen, aktuell können wir es am Umgang mit den Flüchtlingen sehen. Jeder hat Angst, dass sich etwas ändert und es für ihn danach tendenziell schlechter wird.

Es ändert sich ja aber ständig alles, darum denke ich, dass es dringend nötig ist, auch ohne konkrete Krise neue Ideen für ein Zusammenleben zu entwickeln; und dabei konsequent an die Zukunft mit all ihren noch kommenden möglichen Problemen zu denken. Es kann ja nicht sein, dass immer nur auf aktuelle Geschehnisse reagiert wird. Dass der Atomausstieg erst stattfindet, wenn irgendwo ein Atomkraftwerk explodiert. Es müssen langfristige Lösungen her, beziehungsweise gut durchdachte Ideen, die im Krisenfall dann maximal noch der Realität angepasst werden müssen. Die den Krisenfall aber eigentlich verhindern sollen.

Darum ist die Idee, einfach mal über einen neuen Staat nachzudenken, der alles besser macht, vielleicht gar nicht so verkehrt. Allein das Gedankenspiel kann ja bestehende Denkmuster aufbrechen. Vielleicht können wir mit Astoria eine Anregung geben. Bei uns sind die Zuschauer selbst Teil dieses besseren, freien Staates, der erstmal behauptet, soziale Missstände abzubauen, Chancengleichheit zu ermöglichen, die Umwelt zu schützen. Aber die Suche danach, was ein besseres Leben überhaupt ausmacht, endet erstaunlicherweise immer wieder in Sackgassen, weil die unterschiedlichen Bedürfnisse der Bewohner ständig miteinander kollidieren.

Kann ein Staat denn überhaupt alle Menschen glücklich machen?

Der südasiatische Staat Bhutan zum Beispiel hat in seiner Verfassung stehen, dass das Glück aller Bürger das höchste Gut ist – es heißt dort Bruttonationalglück und ist das oberste Ziel der nationalen Politik. Das ist eine einleuchtende Forderung und Umfragen zufolge scheint es im Großen und Ganzen zu funktionieren. Ich bin auch der Meinung, dass alle Menschen zumindest ein Anrecht auf das größtmögliche Glück haben. Natürlich stößt diese Forderung an Grenzen, weil die Definition von Glück für jeden Menschen eine andere ist, aber man kann es versuchen. Das ist auch das Problem in Astoria.

Trotzdem ist meiner Meinung nach in der Politik auch in diesem Punkt ein Weiterdenken nötig, wie man dieses Ziel erreichen könnte. Wie es wohl wäre, wenn das Glück der Bürger auch in europäischen Ländern in der Verfassung stünde.

Wenn es den perfekten Staat gäbe: Dürfte er dann Krieg führen?

Krieg resultiert aus der Existenz von Staaten und deren verschiedenen Auffassungen samt Anspruch an Territorien, die ja konstruiert sind. Man kann das vielleicht mit einer Strophe der österreichischen Hip Hop Band Texta zusammenfassen, die auch am Stück beteilig ist. Sie bringt es in ihrem Song „Abschaffung der Geografie“ auf dem Punkt: Ohne Besitzanspruch auf ein Gebiet gäbe es keine Kriege mehr. Nur wenn ein Staat diese Besitzansprüche hinten anstellt, werden wir in Zukunft Kriege verhindern können.

Darf es in einem perfekten Staat Zensur geben?

Natürlich darf es in einem perfekten Staat keine Zensur geben.

Allerdings geben Staaten sich ja immer Gesetze und Regeln; daraus resultiert, dass immer wieder Menschen aus diesem Keine-Zensur-Konstrukt herausfallen. Sie werden also doch zensiert. Ziel muss es daher sein, die größtmögliche Freiheit eines jeden zu ermöglichen. Auch in Astoria gibt es dieses Dilemma: Der Zutritt zu unserem fiktiven Staat ist nur ohne Mobiltelefone erlaubt, um sich von seinen bisherigen Fesseln zu lösen. Der auf den ersten Blick gut gemeinte Gedanke ist ja aber eigentlich auch schon die erste Zensur.

Könnte sich unsere Gesellschaft überhaupt in einen perfekten Staat entwickeln?

Ich glaube, dass Perfektion überhaupt niemals zu erreichen ist. Und vielleicht muss man auch gar nicht perfekt sein. Viel wichtiger ist doch, dass jeder immer versucht, sein Bestmögliches zu geben, so dass es also eine permanente Weiterentwicklung und Flexibilität geben würde statt Stillstand. Neues lernen, sich weiterbilden ist wichtig.

Wäre in einem Staat für Bildung für alle gesorgt, gäbe es dann Rechtsextremismus?

Rechtsextremismus entsteht aus einer Art Angst und aus Neid auf andere. Natürlich können gleiche „Bildungsmöglichkeiten für Alle“ helfen, mit diesen Ängsten und Befürchtungen umzugehen. Die Tendenz, sich und seine eigenen Werte über die von anderen zu stellen, bleibt meiner Meinung nach allerdings trotzdem fast immer bestehen.

Ziel müsste es also sein, diese Ängste durch größtmögliche Transparenz über unterschiedliche Kulturen, Meinungen und Lebensweisen aufzulösen. Man muss darüber sprechen, sich unterhalten, voneinander lernen – und dann verstehen, dass der andere vielleicht genau so große Angst vor mir hat, wie ich vor ihm. Insofern kann Bildung auf jeden Fall helfen. Bildung bedeutet ja, dass man täglich lernt, mit Neuem umzugehen. Mit neuen mathematischen Formeln, mit neuen Vokabeln – also kann man auch lernen, sich unbekannten kulturellen Einflüssen gegenüber zu öffnen, statt sich einfach nur abzugrenzen.

Könnte es in einem perfekten Staat Nazis geben?

Die Frage ist doch viel mehr, ob es nach allen eben geschilderten Problemen überhaupt tatsächlich möglich ist, einen perfekten Staat zu schaffen. Solange es jedenfalls unsere bestehenden, festgefügten und auf ihre eigenen Vorstellungen beharrenden Staaten gibt, wird es auch Nazis geben.

Schauspiel im Landestheater Linz (A) 
Uraufführung 23.10.2015
Spielstätte BlackBox Musiktheater
Dauer 01 Std. 30 min.

Infos: www.landestheater-linz.at/stuecke/detail?EventSetID=2107&ref=210715131

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