06.10.2015: Fluchtversuch zwischen Bürokratie und Hoffnung v. Tina Gallach für LGN

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Fotos: Deutschland 1945 www.tagesschau.de/ausland/syrien-375~magnifier_pos-1.html Syrien 2015 www.bpb.de/geschichte/nationalsozialismus/dossier-nationalsozialismus/39602/infrastruktur-und-gesellschaft?p=all

Bürokratie und Hoffnung

Die Flüchtlingssituation wird immer dramatischer, noch immer ertrinken Menschen auf überfüllten Booten im Mittelmeer. Dass sie diesen gefährlichen Weg überhaut wählen, liegt unter anderem daran, dass die legalen Möglichkeiten, Krisengebiete zu verlassen, im Verhältnis verschwindend gering sind. Auch, um von Syrien nach Deutschland zu kommen.

Wie es wohl wäre, wenn in Deutschland ein blutiger Krieg toben würde. Die Hälfte der Deutschen geflüchtet, viele Menschen getötet, das Land mit seinen Kulturgütern größtenteils zerstört. Wie es wohl wäre, wenn man sich entscheiden müsste, seine Heimat zu verlassen, um tausende Kilometer weit weg neu anzufangen.

Nach 70 Jahren Frieden ist das für die meisten Deutschen unvorstellbar. In Syrien ist es seit vier Jahren Alltag. Das Land, eine Flugstunde von Zypern entfernt, liegt größtenteils in Schutt und Asche. Städte wurden ausgelöscht, historische Schätze zerstört. Die Kämpfe zwischen Milizen, Islamisten und Regierungstruppen machen vor der Zivilbevölkerung nicht Halt; Menschen verlieren ihr Zuhause, ihren Besitz, ihre Freunde, ihre Familie.

„Die Dimension der syrischen Flüchtlingskrise übersteigt alles bisher Dagewesene“, heißt es dazu aus dem Auswärtigen Amt. Mehr als zehn Millionen Menschen seien innerhalb und außerhalb Syriens auf der Flucht; nach Angaben der Uno-Flüchtlingshilfe sogar zwölf Millionen. Das ist mehr als die Hälfte der Bevölkerung. Und die Situation wird Jahr für Jahr schlimmer.

Allein 2014 sind laut der Hilfsorganisation etwa 76.000 Menschen gestorben, mehr als ein Drittel der mindestens 200.000 Toten seit Beginn der Krise. Kein Wunder also, dass die Zahl derer, die jetzt dringend aus dem Land wollen, seit dem vergangenen Jahr sprunghaft steigt: Die Hoffnung auf ein gutes Ende schwindet, die Rettung im Kampf ums Überleben heißt für viele Europa – und damit auch Deutschland. 130.000 Flüchtlinge sind seit Beginn des Konflikts aus Syrien zu uns gekommen, 69.489 davon im vergangenen Jahr, 36.956 bisher in 2015.

Aber wie kommt man aus einem Land, in dem nahezu alles zusammengebrochen ist, nach Deutschland? Die Antwort ist ernüchternd: Zum jetzigen Zeitpunkt ist es nicht nur schwer, Syrien überhaupt zu verlassen, sich durch von Rebellen besetztes Gebiet zu schlagen, Grenzen zu passieren – es ist mindestens genau so schwer, alle bürokratischen Voraussetzungen zu erfüllen.

Um es gleich vorweg zu nehmen: Natürlich gibt es Möglichkeiten. Und man ist hierzulande ja sogar gewillt, zu helfen. Aber hinter allem steckt ein Verwaltungsakt, der schwer zu bewältigen ist für Menschen, die heute vielleicht nicht wissen, ob sie morgen überhaupt noch leben.

„NRW ermöglicht derzeit syrischen Flüchtlingen auf der Grundlage von drei Bundesprogrammen sowie des NRW-Landesprogramms die Einreise nach Deutschland“, schreibt das Innenministerium Nordrheinwestfalen in Düsseldorf. Dann aber weiter: „Alle Aufnahmeprogramme sind geschlossen, neue Anträge sind zur Zeit nicht möglich.“

Um an genanntem NRW-Landesprogramm teilzunehmen, konnten hier lebende Familienangehörige ihre syrische Verwandtschaft bis Ende Februar 2014 über eine Hotline anmelden. (siehe Kasten) Wer das nicht wusste, damals noch bleiben wollte, oder keine Möglichkeit hatte, Kontakt nach Deutschland aufzunehmen, um sein Interesse zu bekunden, hat dazu jetzt keine Möglichkeit mehr. Familienzusammenführungen gibt es in NRW nur noch für hier lebende Syrer, die ihre minderjährigen Kinder oder ihre Ehepartner nachholen wollen. Eltern oder Geschwister müssen sehen, wie sie es schaffen. Sie können versuchen, ein übliches Ausreise-Visum zu beantragen.

Aber: Die deutsche Botschaft in Damaskus ist wegen des Krieges geschlossen. Die Ansprechpartner sind jetzt in der Türkei und im Libanon, man muss aus organisatorischen Gründen vor der Anreise möglichst online einen Termin vereinbaren.

Wer diese Hürde genommen hat, muss seine Papiere sortieren: Alles, was ihn identifizieren kann, dazu der schriftliche Nachweis über eine maximal ein Jahr alte Polio-Impfung. Was aber, wenn das Haus abgebrannt ist, Pass, Ausweis und Impfpass gleich mit? Woher bekommt man eine Polio-Impfung wenn das Gesundheitssystem in großen Teilen des Landes nahezu zusammengebrochen ist?

Außerdem braucht man in der Türkei eine Beglaubigung aller Urkunden von der deutschen Botschaft im Libanon.

„Derzeit laufen aber Vorbereitungen, um syrischen Flüchtlingen die Legalisation syrischer Urkunden zusätzlich an den Auslandsvertretungen in der Türkei zu ermöglichen“, heißt es dazu aus dem Auswärtigen Amt. Und noch einen weiteren winzigen Hoffnungsschimmer auf weniger Bürokratie gibt es: Laut Auswärtigem Amt ist die Terminvergabe in der Türkei auch ohne Papiere über die Kombination Geburtsdatum und Name möglich.

Natürlich ist die Situation auch für die Mitarbeiter in den Auslandsvertretungen eine große Herausforderung: „Von der Botschaft in Beirut wurden vor er Krise etwa 6.500 Visa pro Jahr ausgestellt“, schreibt das Auswärtige Amt. „In drei Jahren hat sich diese Zahl nahezu verfünffacht.“ Man versucht, dem mit mehr Personal gerecht zu werden und dabei auch die Sicherheit für die Mitarbeiter zu gewährleisten.

Zusatzinfos:

Wie schwierig es ist, Syrien zu verlassen, zeigen vielleicht folgende Zahlen: Von 31.500 Ausreisewilligen, die bis zum Stichtag im Februar 2014 für das NRW-Landesprogramm registriert wurden, sind bisher 14.800 von den Ausländerbehörden NRW geprüft worden. 6.800 haben grünes Licht für die Einreise bekommen. Von ihnen sind bis Juli 2015 aber nur 1.750 in NRW eingereist. Gut 5.000 Menschen, die noch kommen dürften, sind bisher nicht angekommen.

Quelle: Neue Westfälische

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