03.10.2015: 25 Jahre „Tag der deutschen Einheit“ -Eine persönliche Sichtweise von J. M. für LGN

mb-neonazis-WS-Sonstiges-Potsdam

Foto: Neo-Nazis im Jahr 1990 am KZ Sachsenhausen… (www.welt.de/debatte/kommentare/article13727979/Neger-Fidschis-und-die-Heuchelei-der-Linken.html)

Die Parallelwelt der Glückseligkeit

Am 03. Oktober 1990 waren hunderttausende Menschen am Brandenburger Tor die die neue lieb gewonnene Einheit Deutschlands feierten. Banner wie „Deutschland einig Vaterland“ prägten das Bild. Auch meine Freunde und ich waren im Taumel des unvorstellbaren Geschehens. Zwar aus sicherer Entfernung in Hamburg, aber beeindruckt von dem was geschah. Die DDR war Geschichte. Aufbruchstimmung? Nein, auch Skepsis! Diese Skepsis war mehr als berechtigt. Die dunkle Seite dieser Glückseligkeit, sollte kein normaler Mensch sehen. Politik und Medien sorgten für einen gewollten Freudentaumel. Der Zusammenschluss beider deutscher Staaten weckte nur leider Begehrlichkeiten bei denjenigen die sich die dunkle braune Zeit und ein „Großdeutschland zurück wünschten. Das war bekannt und trotzdem sollte die Öffentlichkeit glauben, alles wird schön und bunt.

mauerfall-und-wiedervereinigung-1989-1990-image--2-_620x349

Foto: www.n24.de/n24/Wissen/History/d/1324718/mauerfall-und-wiedervereinigung-1989-1990.html

Da stand er, der so genannte Einheitskanzler Helmut Kohl, der den Ex-DDR Bürgerinnen und Bürger ein Paradies versprach und nicht viele seiner Prognosen später erfüllen konnte. Eigentlich war er nur gerade mal zum richtigen Zeitpunkt Kanzler, um seiner Karriere das i-Tüpfelchen zu verpassen. Die Enttäuschung ließ nicht lange auf sich warten.

Die Enttäuschung vieler Menschen, die die so genannte friedliche Revolution umsetzten, wurde schnell groß. Schon in der Zeit zwischen dem Mauerfall (09. November 1989) und dem offiziellen Zusammenschluss (03. Oktober 1990) wurden sie  Opfer von westlichen Bauernfängern. Versicherungsvertretern, Immobilienhaien und Privatleuten die ihre Fahrzeuge und sonstiges für das 10fache in Ostdeutschland verkauften und verschacherten. Sie sorgten für einen schnellen Frust in der ehemaligen DDR. Abgezockt, nicht nur durch Betrügereien. Auch die Politik versagte schnell. Ehemalige DDR Betriebe wurden dicht gemacht und die Arbeitslosenzahl stieg schnell ins Unermessliche. Nichts mehr zu sehen von den vollmundigen Versprechungen des Einheitskanzlers. All das führte, da bin ich der Ansicht auch mit dazu, dass die rechte Szene sich fest etablieren konnte. Westnazis hatten dieses Potenzial schnell für sich erkannt. Michael Kühnen (Wehrsportgruppe Hoffmann), Christian Worch (heute „Die Rechte“) und viele andere bauten in den neuen Bundesländern eine neue Szene auf. Rechte Kameradschaften aus dem Westen waren so etwas wie Vorbilder. Nur radikaler und extremer. Der Frust, der durch falsche politische Versprechungen einherging, war sicherlich auch ein Grund für diesen Misserfolg und die Sichtbarkeit der neuen Nazis im Osten. Auch heute gibt es noch die Auffassung, im Osten sei alles viel schlimmer, als im Westen. Da sage ich „nein“. Sie ist sichtbarer, aber nicht vermehrter als im Westen vorhanden. Eben anders und offener.

20a

Foto: Ost-/Westnazis 1997  (www.conne-island.de/nf/43/20.html)

In den Neunzigern zog sich ein roter Faden durch die Jahre. Ein roter Faden, den meine Freunde und ich damals bereits befürchteten. Pogrome wie Lichtanlagen, Mölln, Solingen, 175 Tote durch rechte Gewalt seit 1990 bis heute (recherchiert vom Tagesspiegel und der ZEIT). Hunderte von Todesfällen die ungeklärt sind. Todesfälle bei denen ein rechtsextremistischer Hintergrund nicht ausgeschlossen ist, bis heute. Jährlich ca. 1.000 Opfer rechter Gewalt (Opferberatungsstellen schätzen bis zu 3.000 Übergriffe pro Jahr) und ein stets steigender Rassismus in diesem Land, kann mich am 25. Jahrestag der so genannten „Wiedervereinigung“ nicht wirklich feiern lassen. Und jetzt? Als ich 2000 anfing mich beruflich für eine Welt ohne Menschenverachtung, eben gegen Rassismus und Nazis zu engagieren, war ich nicht davon ausgegangen, dass es noch schlimmer werden könnte. Und doch, im Moment erleben wir einen salonfähigen Rassismus. Politik macht das, was sie schon immer gemacht hat. Nach rechts nicht genau schauen. Laufen lassen! Die für mich zunächst beeindruckende Willkommenskultur der letzten Wochen gegenüber der Flüchtlinge aus Syrien, wird auch jetzt wieder dafür genutzt, Gesetze zu verschärfen und andere die auch unsere Hilfe benötigen, nicht willkommen zu heißen. Ganz vor´n an unser Bundesinnenminister de Maiziere, der nun vermehrt Benzin in das Feuer gießt und Rassismus mit seinen Phrasen nur schüren kann. Alles, nachdem die Bundeskanzlerin und ihr Vize wochenlang geschwiegen haben. Die Rede ist auch von so genannten sicheren Herkunftsländern, die dazu erklärt werden, damit die Menschen die von dort kommen, schnell wieder abgeschoben werden können. Hierzu gehören beispielsweise auch Sinti & Roma, die durch die neue Gesetzgebung trotz Verfolgung keine große Chance haben werden, bei uns zu bleiben. Sinti & Roma wurden ebenfalls von deutschen Nazis damals in Konzentrationslagern ermordet. Der rechte Geist und die rechten Vorurteile, scheinen in den Köpfen vieler Politiker noch immer vorhanden. Ganz vor´n an Seehofer, der dies auch offen sagt. Nein, ich kann mich nicht nur über diesen neuen deutschen Staat freuen- Die rechte Szene hat sich in den letzten 25 Jahren neu formiert, salonfähig, subtil und intelligent größer aufgebaut sowie wenn auch anders und gefährlicher etabliert. Es sind nicht mehr die unzeitgemässen Pöbelnazis der Neunziger. Es sind Sarrazin, AFD und andere Rechtspopulisten, die das Gift der Menschenverachtung neu spritzen. Die, sie sich demokratisch nennen, billigen dies viel zu oft.

Was ist so wichtig an „Einig deutsches Vaterland“? Ich wünsche mir ein buntes, vielfältiges  Land. Nicht einig mit dem Wort „stolz“ behaftet. Im Rahmen dieser Wiedervereinigung wurden die Chancen verpasst, sich gegen eine stets wachsende, rassistische und teils ewiggestrige Szene zu stellen und diese zu stoppen.

Seit 15 Jahren ist dieses Thema nun mein Job. Wenn mich jemand fragt, ob alles besser geworden ist und wir keine Nazis mehr im Lande haben? Dann muss ich sagen, nein!

 

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.