07.09.2015: Von Kakerlaken und Stacheldraht – Anti-Flüchtlingsrhetorik im Vereinigten Königreich Von Laura G. für LGN

Von Kakerlaken und Stacheldraht – Anti-Flüchtlingsrhetorik im Vereinigten Königreich  – Von Laura G.

quelle huffingtonpost Bild: Huffington Post

Mit ihrer „Wir helfen“-Kampagne hat die BILD-Zeitung hierzulande viele Menschen positiv überrascht. Ähnlich hat in Großbritannien die Zeitung „The Sun“ (gewissermaßen die BILD auf Steroiden) als Reaktion auf die Bilder des toten Aylan eine Krisen-Initiative gestartet, damit so jenes Schicksal „tausenden von unschuldigen Kindern“ erspart bliebe.

Dabei schlug die Sun bisher ganz andere Töne an. Kolumnistin Katie Hopkins, deren Austausch gegen 50.000 Flüchtlinge eine Petition seit einigen Tagen fordert, steht an der Spitze der fremdenfeindlichen Bekundungen der Zeitung. Im April titelte sie „Rettungsbote? Ich würde Kanonenschiffe benutzen um Einwanderer zu stoppen“. Bilder von Särgen oder im Wasser treibenden Körpern würden sie nicht berühren, sie verglich Migranten mit Kakerlaken. Der Hohe Kommissar der Vereinten Nationen für Menschenrechte warf ihr daraufhin an das Nazi-Regime erinnernde Rhetorik vor. In ihrer neusten Kolumne geht Hopkins zwar nicht auf die Flüchtlingsthematik ein, dennoch müsste sie, wäre „The Sun“ konsequent, ihren Job verlieren. Dies ist derzeit aber eher fraglich.

Allgemein ist die Stimmung gegenüber Flüchtlingen im Vereinigten Königreich erschreckend.

Obwohl die United Kingdom Independence Party (UKIP) nach ihrem Europawahl-Erfolg bei der letzten Parlamentswahl ihre Ziele verfehlte, bildet sie weiterhin das Meinungsbild vieler Briten ab. So tweetete der frühere Parlaments-Kandidat Peter Bucklitsch als Reaktion auf das Bild des toten Aylan, dass der Junge sterben musste weil seine Eltern zu gierig auf das gute Leben in Europa gewesen seien. Er bezeichnete seinen Tod als den Preis, den man fürs Vordrängeln eben zahlen müsse.

In Kommentarspalten steht der britische Wutbürger seinem deutschen Äquivalent in nichts nach. „Ich bin kein Rassist, aber…“, „bald herrscht die Scharia“, „die haben alle Smartphones, so schlecht kann es ihnen also nicht gehen“-Kommentare durchbrechen die vielen flüchtlingsbejahenden Aussagen. Häufig wird auch die scheinbare Überlastung des staatlichen Gesundheitssystems und des sozialen Wohnungsbaus durch die „Eindringlinge“ angeführt.  Dabei gab es 2014 nur 31.300 Asylanträge im VK, verglichen mit 173.100 in Deutschland. Flüchtlinge, Menschen mit ausstehenden Asylanträgen und Staatenlose stellten 2014 nur 0,24% der Bevölkerung dar. Laut UNHCR werden viele Flüchtlinge in schwer vermietbaren Immobilien untergebracht, also Häusern, die Sozialhilfeempfänger nicht bewohnen wollen. Derzeit erhalten Flüchtlinge 36,95 GBP pro Woche pro Person, also nur 5,28 GBP pro Tag für Nahrung, Hygiene und Kleidung.

Als mehr und mehr Flüchtlinge die Insel Kos erreichten, beschwerten sich Briten über die unzumutbaren Zustände – für britische Urlauber.  Darüber hinaus sehen viele Flüchtlingsgegner besonders den Eurotunnel bei Calais, durch den einige Flüchtlinge unter Lebensgefahr versuchen, nach England zu gelangen, als Einfallstor in „ihr Land“. Der 13 Millionen Euro teure Stacheldraht, den die britische Regierung in Frankreich hat bauen lassen, genügt ihnen nicht. In einem BBC Beitrag besucht MdEP Mike Hookem (UKIP) Calais. Seine Lösung? Ein zweiter Zaun.

Premierminister David Cameron bezeichnete bisher Flüchtlinge als Schwarm auf dem Weg nach Großbritannien und plante Sozialleistungen für Asylsuchende zu kürzen. Dennoch wird er am Montag eine höhere Aufnahme von Flüchtlingen verkünden. Von mehr als 10.000 wird gesprochen. Allerdings würden die Flüchtlinge direkt an der syrischen Grenze ausgewählt und der Fokus weiterhin auf dem Ausbau von Flüchtlingscamps in der Region liegen. George Osborne, Schatzkanzler in der derzeitigen Regierung, unterstrich, dass die Maßnahmen vor allem dem britischen Eigeninteresse – dem „großen Problem“ an der Türschwelle – dienen sollen. Ob dies eine drastische Kehrtwende der abweisenden Mentalität gegenüber Flüchtlingen einläutet, bleibt stark anzuzweifeln.

Sollte das mit den Links so gar nicht hinhauen, ist hier die Liste der Links:
Quellen:
http://www.thesun.co.uk/sol/homepage/news/6620772/For-Aylan-The-Suns-campaign-to-help-thousands-of-kids-like-tragic-migrant-tot.html
http://www.thesun.co.uk/sol/homepage/suncolumnists/katiehopkins/6414865/Katie-Hopkins-I-would-use-gunships-to-stop-migrants.html
http://www.sueddeutsche.de/medien/kolumne-in-der-sun-uno-kritisiert-boulevard-blatt-fuer-fluechtlingskommentar-1.2452101
http://www.bbc.co.uk/news/uk-politics-34145378
http://www.unhcr.org.uk/about-us/the-uk-and-asylum.html
http://www.independent.co.uk/news/world/europe/british-tourists-complain-impoverished-boat-migrants-are-making-holidays-awkward-in-kos-10281398.html
https://www.youtube.com/watch?v=GK9ryTTvbho
http://www.independent.co.uk/news/uk/politics/refugee-crisis-uk-foreign-aid-budget-to-be-spent-housing-people-in-britain-george-osborne-says-10488561.html

Die Petition findet ihr hier: https://www.change.org/p/uk-government-swap-katie-hopkins-for-50-000-refugees

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