24.04.2015: „Sturm brich´los! Wollt Ihr das totale Vergessen?“ J. M. für LGN

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Foto: Bundesarchiv

Sturm brich´los!. Eine Textzeile aus einem Frei.wild Lied, welches angeblich ahnungslos dort geschrieben steht, so der Sänger Burger in einem Interview. Goebbels schrie jenen Ausbruch am 18. Februar 1943 heraus und stellte anschließend die Frage „Wollt´ Ihr den totalen Krieg?“  Die anwesenden mehreren tausend Zuhörer schrieen „Ja“ und skandierten das übliche „Sieg Heil“, obwohl der Krieg schon verloren war. Wer waren eigentlich die Tausenden und Millionen Deutschen, die gehorsam den menschenverachtenden Nazis folgten. Waren es diejenigen die uns hinterher erzählt haben, dass sie tatsächlich ja nicht anders konnten? Sie mussten ja mitmachen, oder wer waren diese Deutschen, die den Krieg überlebten und eine Erinnerungskultur des Vergessens produzierten, bis vor etwa 15 Jahren sich endlich etwas bewegte und der Staat dann doch auf einmal Fördergelder für die historische Aufarbeitung von Gedenkstätten gab?

Das Land des Vergessens? 

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Foto:April 1968: Studentenproteste in der Bundesrepublik

Fakt ist. Erst Ende der sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts entstand aufgrund der Studentenproteste ein neues Bewusstsein, welches im Übrigen oft von Staatswegen nieder geknüppelt wurde. Knapp 20 bis 25 Jahre nach dem Krieg wollte die Masse der Deutschen immer noch nicht reflektieren, was sie damals hätte vielleicht verhindern können und woran die Generation „Mitläufertum“ wirklich Schuld war und ist. In Schlüsselpositionen und Behörden saßen oft diejenigen Nazis, die Hitlerdeutschland damals schon möglich gemacht hatten und im Hintergrund in Amtsstuben steuerten. In den Häusern mit ihren Vorgärten und den Wohnungen der Städte saßen Menschen, die angeblich nichts von „Auschwitz“, nichts von den Gräueltaten einer ganzen Generation wussten. Ein gutes Beispiel hierfür sind auch Geschichten aus dem Jahre 1945. Die Allierten die in Deutschland vorrückten stießen auf Menschen die beharrlich Schilder trugen wie „Ich bin kein Nazi“ , „Ich bin unschuldig“. Hinzu kommen bemerkenswerte Sätze wie „Wir wussten das alles gar nicht“. Ein amerikanischer Soldat sagte in einem Interview „Die deutschen präsentierten sich uns, als hätte es nie einen Hitler oder irgendwelche Nazis gegeben“. Mit der so genannten Stunde „Null“ traten zeitgleich das allgemeine Vergessen und die Verdrängung ein, die uns heute noch zu schaffen machen.

Was geht mich der Schnee von gestern an? Erinnerungskultur in Deutschland

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Bild: Ein Facebook Post-gefunden bei www.preiselbauer.de 

Allzu oft lesen wir auf unserer Facebook Seite rüde und sinnentleerte Kommentare zu Meldungen die sich mit unserer Geschichte oder mit der Nazisprache beschäftigen: „Das geht mich nichts mehr an, was damals geschah“, „Das ist Geschichte, wir leben hier und heute“, „Die Nazischeiße nervt, hatten wir genug von in der Schule“, „Ich bin stolz auf mein Land“, „…warum darf ich -Jedem das Seine- nicht benutzen, nur weil es in Buchenwald am Tor stand- mir doch egal“ u. s. w. Das Bewusstsein, dass diese Geschichte erst 70 Jahre her ist, also ein Schiss in der Zeitrechnung, keimt nicht bei allen auf. Heute leben noch viele Opfer, die das Grauen am eigenen Leibe und die Ermordung ihrer Familie erlebten. Genau diese Opfer sind es die nicht verstehen werden, dass wir mit unserer eigenen Geschichte so umgehen. Sie müssen erleben, dass rassistische Irrläufe wie PEGIDA stattfinden, sie müssen erleben, dass Nazis wieder durch Straßen marschieren und Flüchtlingsheime angreifen. Sie müssen einen neuen Antisemitismus und Antiziganismus aushalten der täglich durch unsere Gesellschaft wabert. Für uns alle die hier in Deutschland geboren sind, sollte die Aufgabe sein, all das was unsere Schuld betrifft, weiterhin unermüdlich aufzuarbeiten.

Noch peinlicher ist es, dass erst 70 Jahre nach der Befreiung vom Naziregime, SS Schergen, Täter und Mörder gejagt werden. 70 Jahre! Kein Wunder, die Archive in den Ämtern wurden teilweise ja auch erst vor einigen Jahren geöffnet, so dass eine Verfolgung der Handlanger der Nazis erst sehr spät möglich war. Mir persönlich treibt es die Schamröte in das Gesicht, wenn ich Prozesse erleben muss, bei denen eiskalte Greise nicht einmal mehr Reue für ihre Taten zeigen und genüsslich in diesem Lande in ihrem kleinen spiessigen Familienreich leben konnten. Die netten Nachbarn von nebenan. Für mich das Banale des Bösen.

Hilde-Michnia-8- Foto: SS Aufseherin Hilde Michnia (Quelle: Hamburger Abendblatt – ein Beispiel für tausende Schergen des NS Regimes

„Einmal Klingeln, zehn Sekunden warten, die Haustür geht auf, fünf, sechs Stufen hinauf ins Hochparterre, da steht sie schon, blickt aus freundlichen blauen Augen, 92 Jahre alt, offenbar voll orientiert. „Guten Tag, können wir über das Konzentrationslager Bergen-Belsen sprechen?“ Und Hilde Michnia sagt: „Ach nein, schon wieder?“

Der Fall aus Hamburg schildert auch gleichzeitig die Verdrängungsmechanismen unserer Gesellschaft. Eine scheinbar sympathische alte Frau die ihr Leben lebte und die die Nachbarn so nett fanden. Was zeigt uns dieser Fall? Die Mörder und Täter die mit Verantwortung an Gräueltaten im Auftrag des Staates beteiligt waren, leben teilweise noch. Sie selber sind sich keiner Schuld bewusst. Ist doch lange her und es war nicht ihre Idee zu morden. Ach so.

Auschwitz Prozess – heute/ Auschwitz Prozess gestern

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Foto: Holocaust Überlebende und Mengele Opfer Eva Kors reicht dem Buchhalter von Auschwitz Gröning die Hand (Foto: http://i.dailymail.co.uk)

„Die Auschwitz-Überlebende Eva Kor war in der ersten Prozesswoche auf den ehemaligen SS-Mann zugegangen, hatte ihm die Hand gereicht und vergeben. Die 81-Jährige sagte am Sonntagabend in der Sendung „Günther Jauch“, die Opfer des Holocausts säßen in der Ecke und hätten Wut auf sie. Sie plädierte in der Sendung dafür, mit Anklagen wie der gegen Gröning aufzuhören und stattdessen mit ihm zu reden und ihn in Schulen erzählen zu lassen, um rechtsextreme Einstellungen zu verhindern.“ (Zitat: http://www.welt.de/politik/deutschland/article140133130/Opfer-Angehoerige-empoert-ueber-Kors-Groening-Vergebung.html)

So sehr mir das Engagement von Eva Kors imponiert, so ist es doch auch schwierig. Die Nazis von damals verstehen zu wollen und zu versuchen, dass diese Aufklärungsarbeit leisten sollten ist ein Schritt der mir einleuchtet, jedoch bin ich der Auffassung, dass dieser Schritt viel zu spät käme. Die Geste von Eva Kors, die unter dem KZ Arzt von Auschwitz Mengele wie ihre Zwillingsschwester litt mag ehrenwert sein und modern, aber sie ist auch eine Ohrfeige für viele Überlebende. Natürlich verstehe ich ihre Argumentationslinie, dass Kommunikation in der heutigen Zeit das Wichtigste ist, aber für mich ist es schwer vorstellbar, dass Täterinnen und Täter nach 70 Jahren mahnend werden und diese die ganze Zeit zuvor ihre Schuld nie zugaben und eingestanden haben. Diese Form der Versöhnung kann es so nicht geben, obwohl Kors ihnen die Schuld nicht absprechen möchte (bei Jauch am 26.04.2015 in ARD gesehen). Strafen für ihr Handeln haben diese SS-Schergen nur selten erhalten. Wer glaubt, dass sich hier ein ehrliches schlechtes Gewissen, auch bei Gröning verbirgt, der könnte Irrtümern unterlaufen. Das quälende schlechte Gewissen hätte sich schon vor 69 Jahren zeigen können.

Ich glaube auch nicht, dass die Nazis von gestern Nazis von heute überzeugen könnten, dass das was sie damals taten, nicht das richtige gewesen ist. Die Nazis von heute würden sie eher als Vorbilder sehen und deren kritische Betrachtung (wenn es sie gibt) gar nicht wahrnehmen. Das ist meine Überzeugung resultierend aus dem Job, den ich seit nunmehr fast 15 Jahren mache. Sie würden als „Helden“ wahrgenommen. Das kann auch nicht im Interesse der Opfer und dieser Gesellschaft sein.

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Foto: Auschwitz Prozess Frankfurt 1963 bis 1965 /Grinsende SS Schergen auf der Anklagebank)

Vielleicht hatte der Buchhalter von Auschwitz Gröning, der heute in Lüneburg auf der Anklagebank sitzt Pech, dass er nicht schon in den Sechzigern verklagt wurde. Dann hätte er sich heute wahrscheinlich auch nicht entschuldigen müssen. Der gruselige Auschwitz Prozess von damals (1963 bis 1965), bei dem die Täter lächelnd in den Gerichtssaal marschierten ist für mich heute noch ein Symbol. Ein Symbol für die Nichtbestrafung von Schuld, für das Verdrängen und die Verharmlosung des Geschehenen. Nur wenige der nachweislich tätigen SS Männer wurden scharf verurteilt. Der Prozess war insgesamt eine Farce. Die Opfer mussten damals mit den Tätern gar im gleichen Hotel am Frühstückstisch sitzen, bevor sie in den Gerichtssaal fuhren.

Kaum Ermittlungen gegen NS Verbrecher nach dem Krieg bis heute:

„Der nationalsozialistische Völkermord ist in den Anfangsjahren der Bundesrepublik kein Thema – zumindest keines der Justiz. Eine systematische Ahndung gibt es nicht. Prozesse kommen mehr oder weniger zufällig in Gang. Die Vorgeschichte eines aufsehenerregenden Prozesses aus dem Jahre 1958 ist symptomatisch. In einem Strafverfahren, das man den „Ulmer Einsatzgruppenprozeß“ genannt hat, wurden Massentötungen von Juden auf dem Gebiet der Sowjetunion untersucht. Auslöser des Verfahrens sind nicht etwa eigene Ermittlungen der Staatsanwaltschaft. Vielmehr wird das Verfahren durch die Dreistigkeit des Angeklagten selbst geradezu provoziert. Dieser Angeklagte war im Jahre 1941 Polizeidirektor in Memel und wirkte bei der Tötung von über 500 jüdischen Opfern mit. Der Angeklagte tauchte 1945 unter – und taucht auch wieder auf: Mitte der fünfziger Jahre klagt er auf Wiedereinstellung in den Staatsdienst. Er ist offenbar zuversichtlich, wegen der „alten Sachen“ werde ihm jetzt nichts mehr passieren. Aber wie es manchmal so kommt – die Presse berichtet über den Prozeß, und so erinnert sich ein Leser daran, daß der Ex-Polizist im Juni 1941 an Massentötungen beteiligt war. Der Kläger wird zum Angeklagten. Er wird 1956 verhaftet und 1958 wegen Beihilfe zum Mord zu zwölf Jahren Zuchthaus verurteilt.2″ (edjewnet.de)

Im Deutschland nach dem Kriege, wollte man keine Aufarbeitung, man wollte keine großen Strafen. Die Nazis von damals waren viel zu wichtig für den so genannten „Aufbau“.

Die Überschrift dieses Artikels heißt: „Sturm brich´los! Wollt Ihr das totale Vergessen?“ Ich persönlich sage: „Never Forgive – Never Forget“. Kein Vergeben – Kein Vergessen. Wir tragen Verantwortung. Wir müssen stets aufklären. Für Massenmorde und Menschenverachtung darf es kein Vergeben geben. Wir unterstützen moralisch das Aussteiger Programm EXIT Deutschland für die heute Irregeleiteten, aber die Nazis und Täter von damals sind nie ausgestiegen und waren auch nie willig dies zu tun.  J. M. für LGN

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