27.12.2014: Die neuen Deutschen aus dem Abendland – ein böser Rückblick v. J.M. für LGN

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Die neuen Deutschen aus dem Abendland

„Mut zur Wahrheit“ steht auf einem Pappschild von „PEGIDA“-Teilnehmern. Mut? Zu welcher Wahrheit? Die friedlichen gewaltfreien Kämpfer des neuen Abendlandes? Zuletzt 17.500 Leute in Dresden und bei den Ablegern in anderen Städten kommen wohl weitere mehrere hundert oder gar tausend hinzu. „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes (PEGIDA)“, so nennen sich die neuen Rassisten, die auf Deutschlands Straßen derzeit Massen bewegen. Lassen wir uns das noch mal auf der Zunge zergehen. „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“. Da hat der etwas kriminelle Sohn eines Fleischers namens Lutz Bachmann (Quelle:wikipedia.de) sich ja einen einprägenden Slogan ausgedacht. Ein Slogan, der offensichtlich sämtliche Dumpfbacken des Landes mitreißt. Wahrscheinlich werden einige der vielen Mitläufer, die sonst an deutschen Stammtischen ihre Phrasen dreschen und morgens mit der BILD Zeitung aufwachen noch nicht einmal wissen was das „Abendland“ geschweige denn der „Islam“ ist. So kann man zumindest die Statements derer die stumpf ihre Attitüden auf niedrigstem Niveau vor laufenden Kameras während eines PEGIDA-Auflaufs ausstossen, doch deuten.

15797362877_bd573340c0_k-e1419334733366-534x330 Foto: sozialismus.info.de

Aber eben nicht nur die Nachbarn von nebenan beteiligen sich an den Großkundgebungen. Rechtspopulisten und Nazis nutzen des Fleischersohns Plattform für ihre Zwecke mit. Ein Sammelsurium von NPDlern, Kameradschaften, rechten Fußball Fanclubs und sonstigen Marschierern mit geistigem Müll im Kopf, stehen bei den PEGIDA-Veranstaltungen in den Reihen der angeblich Verzweifelten die Angst davor haben, dass man ihnen ihr heilig Deutschland wegnimmt. Genau diese Leute beeinflussen Mitläufer. Da gab es zum Beispiel eine etwa 60 Jahre alte Frau, die im ZDF ihre Angst äußerte, dass „…der Islam womöglich deutsche Staatsreligion“ werden könnte. Soweit ist es schon gekommen, dass uninformierte Menschen alles glauben, was des Fleischersohns Helfer so von sich geben. Die PEGIDA Teilnehmer versuchen sich vor laufenden Kameras immer wieder von den Nazis und Rechtsextremisten zu distanzieren. Man sei normale Bürgerin und normaler Bürger. Dies nimmt so absurde Formen an, dass ich manchmal Tränen lachen könnte wenn es nicht so traurig wäre. Da steht ein Lehrer, oder war es doch ein Anwalt bei einem Interview vor laufender Kamera und versucht uns ernsthaft klar zu machen, dass wir zu viele „Ausländer“ haben. Ausländer!, und diese wollen uns alles wegnehmen. Vor Allem die ganzen kriminellen Menschen die unser Hab und Gut gefährden. Da erinnere ich mich an die jahrelange Stimmungsmache solcher Medien wie BILD, RTL und anderer privater Medien, die das Wort „Ausländerkriminalität“ bei ihrer Zielgruppe in den Hirnen gefestigt und etabliert haben.

Nehmen wir mal als Beispiel das Jahr 2006. Ein WM Jahr in dem die rassistischen Übergriffe mit rechtsextremistischen Hintergrund die bislang höchste Quote nach 1990 erreichte:

In Deutschland wohnhafte Ausländer sind unter Berücksichtung der sozialen Lage weniger kriminell: „Und die Beachtung des Faktors Schicht lässt den Schluss zu, dass die ausländischen Arbeitsmigranten erheblich gesetzestreuer sind als Deutsche in vergleichbarer Soziallage.“[17]

Deliktgruppe Aufklärungsrate Anzahl Straftaten davon Ausländer in % Bevölkerungsanteil
Mord und Totschlag 95,5 % 5.889 1.457 24,7 % 8,8 %
Körperverletzung 83,2 % 159.512 38.128 23,9 %
Vergewaltigung 82,9 % 6.868 2037 29,7 %
Diebstahl 29,7 % 536.198 111.807 20,9 %
Raub, räub. Erpressung 51,5 % 33.988 9786 28,8 %
Verbrechen gegen die Umwelt 57,9 % 11.859 1.507 12,7 %

Anteil ausländischer Tatverdächtiger bei verschiedenen Verbrechenskategorien des Jahres 2006. Quelle: Statistisches Bundesamt[18]

Ähnlich wird dies auch 2013/2014 und in den Folgejahren aussehen.

Das Pulverfass „Rassismus“ 2014/2015

Demonstrationen wegen Asylbewerberheim Foto:taz.de 04.11.2013/Schneeberg

Vor etwa einem Jahr, genau am 24. Dezember 2013, veröffentlichte die Nachrichtenagentur dpa eine Meldung des „Ministeriums des Innern“ die besagte, dass die Präsenz von Rechtsextremisten, Nazis und Rassisten vor Flüchtlingsheimen um ca. 30% gestiegen sei. Vorangegangen waren Aufzüge der „Rechten“ mit Fackeln in verschiedenen deutschen Städten wie Schneeberg (Thüringen). Dort marschierten ca. 2.000 Menschen mit Fackeln zu einer etablierten Unterkunft syrischer Flüchtlinge und präsentierten sich in der gesamten Stadt. Neben ca. 800 Nazis liefen dort die normalen Nachbarn mit. Wenn man so will, der Beginn von PEGIDA und HoGeSa 2014. In Deutschland brodelt es und die Stimmung kann sehr schnell in Aggression umschlagen.

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Foto: linksunten.indymedia.org/HoGeSa Anhänger-Oktober 2014/Köln

Beruflich und moralisch können wir uns nicht nur ob der weltpolitischen Lage nicht erfreuen, sondern auch weil unser Job immer notwendiger wird. Nicht rassistische Bewegungen wie PEGIDA oder HoGeSa machen uns Kopfzerbrechen. Der diesjährige Gaza Konflikt zwischen Israel und der Hamas führte in Europa zu einem Anstieg des Antisemitismus. Erstmalig gab es wieder massive Angriffe auf jüdische Einrichtungen. Verbale Entgleisungen und Hass unter dem Deckmantel der Kritik an dem israelischen Staat. Unerträglich! Vor Allem unsere Vergangenheit sollte und immer ein Leitfaden sein.

Wir leben 2015 auf einem Pulverfass welches bizarre und sehr gefährliche Formen annimmt. Der steigende Rassismus der von rechten Gruppierungen angeheizt wird ist gefährlich. Diese ganze Stimmung ist ein brodelndes Feuer, welches den Neunzigern des letzten Jahrhunderts durchaus ähnelt. Ein wenig Benzin in dieses Feuer würde ausreichen, um einen neuen Flächenbrand zu entfachen. Die ersten Anschläge auf Flüchtlingsheime konnten wir in den letzten Wochen bereits feststellen. Wir laufen Gefahr, dass der Mitläufer-Mob Beifall klatschen könnte, wenn die gewaltbereite rechte Szene wieder anfängt Menschen und Unterkünfte anzugreifen. Die Bilder aus Rostock-Lichtenhagen, Hoyerswerda, Mügeln und so vielen anderen Orten, gehen mir nicht aus dem Kopf. Dort wurden Menschen gejagt, gebrandschatzt unter dem Beifall der so genannten normalen Bevölkerung. Die Angst, dass sich solche Szenen 2015 wiederholen könnten, ist berechtigt.

Der Widerstand der Zivilgesellschaft ist mehr als wichtig

image Foto:sueddeutsche.de/Großdemonstrattion gegen Rassismus-Dez. 2014

Beruhigend ist die Tatsache, dass die Zivilgesellschaft gegen die Aktivitäten von PEGIDA und HoGeSa langsam reagiert. In Dresden organisiert das Bündnis „dresden nazifrei“ nunmehr immer größere Kundgebungen gegen PEGIDA. Solidarisch finden bundesweit Veranstaltungen statt. In den letzten Wochen in München und Köln mit jeweils weit über 12.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Der Anfang ist gemacht. Nun muss Politik reagieren. Zwar hören wir Kritik an PEGIDA, aber gleichzeitig die Forderung in Regierungskreisen, die rassistischen Aufmärsche von PEGIDA ernst zu nehmen und womöglich mit den Organisatoren zu diskutieren. Wir setzen eher auf Prävention und Aufklärung derer die dort mitlaufen.

Den Bock schoss unser immer wieder auffällige Innenminister de Maiziére ab, der nach der Erhöhung von Teilnehmern an PEGIDA Kundgebungen zwar sorgenvoll in die Kamera grinste, aber gleichzeitig ankündigte zu prüfen, ob muslimische Gruppierungen und straffällig gewordene Menschen mit Migrationshintergrund nicht doch stärker beobachtet werden müssen. Hier erinnere ich mich an die Verschärfung der so genannten Asylgesetze nach den Pogromen der Neunziger. Die Politik dieses Landes ist gefordert mehr Aufklärung zu leisten. Immer nur dann zu reagieren, wenn das Kind in den Brunnen fällt und im Sinne unsinniger rassistischen Forderungen zu agieren ist fehl am Platz.

2014 setzt Vorzeichen, die ich mit Argwohn betrachte. Wenn das so weiter geht, dann kommen wieder Menschen zu Schaden.

Sehr gerne zitiere ich für Herrn de Maiziére noch einmal das Grundgesetz, welches sich eigentlich in sein Hirn gebrannt haben sollte:

Art. 1 [Schutz der Menschenwürde]

(1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.

(2) Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.

(3) Die nachfolgenden Grundrechte binden Gesetzgebung, vollziehende Gewalt und Rechtsprechung als unmittelbar geltendes Recht.

Übrigens, wir sind nicht das Abendland, sondern ein europäischer Staat, der Verantwortung trägt und denjenigen helfen muss, die ihr Hab und Gut verloren haben. Deutschland ist reich und profitiert von Kriegen die fernab seiner Grenzen stattfinden.

J. M. für LGN

 

 

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