13.10.2014: „Abschieben und Ruhe ist“ v. Laura G. für LGN (England)

„Abschieben und Ruhe ist“

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Ein Kommentar der Kommentare

Sonntagabend, der schnöde Tatort ist vorbei, jetzt schnell noch auf Spiegel Online vorbei schauen. Titel „Skandalheim Burbach: Misshandelter Flüchtling sitzt seit Mai in U-Haft“. Ein bisschen durch die Facebook-Kommentare blättern. Schwerer Fehler.

Die absolute Mehrheit der (mehr- oder weniger leserlichen) Kommentare fordert die sofortige Abschiebung des mutmaßlichen Einbrechers. Linda V. zum Beispiel kommentiert: „Unsere Steuergelder dann noch einsetzen für juristische Prozesse […]“. Sie weist hiermit auf das allgemein verbreitete Phänomen des am-Hungertuch-nagenden deutschen Steuerzahlers hin, dem der Rechtsstaat das letzte Hemd raubt. Alfred T. legitimiert die quasi vorangehende Prügelstrafe im Heim: „[…] Zu Unrecht haben die Wachleute den jedenfalls nicht gefesselt […]“. Auch Jürgen G. stimmt zu „Dann hat es genau den Richtigen getroffen“.

Es gibt aber noch weitaus drastischere Aussagen. Sie reichen von „Soll froh sein das ihn nicht die FINGER abgehackt werden“ über „wau.. was für eine dankbarkeit für das ARSCHPUDERN mit STEUERGELDEN… schmeißt sie zurück ins Mittelmeer“ zu „[…] leider ein loch buddeln darf man ja leider nicht. Verbietet ja leider unser Grundgesetz und über ihren Land abwerfen darf man ja auch nicht“ (Mensch, das verfluchte Grundgesetzt schon wieder, bringt nur Unheil das Ding).

Trotz der beschriebenen Realsatire lösen die Kommentare ein ernstes Gefühl der Beklemmung aus. Sicher, Einbruch ist eine Straftat für die dann hoffentlich der Täter am Ende eines fairen Prozesses verurteilt wird, ganz egal was seine Motive für den Einbruch waren, ganz davon ab, dass unser systemischer Umgang mit Asylbewerbern eben auch Straftaten fördern kann. Dennoch erschrecken zwei zentrale Beobachtungen, neben teilweise offen rassistischen Aussagen wie „Weil das Pack nichts anderes kann klauen, überfallen und missbrauchen“, ganz besonders.

Zunächst ist da die absolute Verachtung des Rechtsstaates. Wäre die Zahl der Kommentare, die sich gegen ein faires Verfahren aussprechen, und scheinbar die Unschuldsvermutung für unnötig erachten repräsentativ, würfe dies ein düsteres Licht auf die Verankerung des Rechtsstaatsprinzips (und letztendlich unserer Demokratie). Wird es nicht wertgeschätzt, besteht die Gefahr der Rückentwicklung nicht nur zur Staatswillkür sondern auch zu einer Auge-um-Auge-Mentalität. Es ist fraglich, ob sich die Kommentatoren in einem Staat ohne die beschriebenen Grundrechte wohlfühlen würden. Zumindest für alle anderen sollte eine solche Zukunftsvision gewaltiges Unbehagen auslösen.

Die zweite beunruhigende Beobachtung bewegt sich in eine ähnliche Richtung. Es geht um die versuchte Rechtfertigung der Misshandlungen des Asylbewerbers. Dass die Misshandlungen vor dem Datum des Einbruchs stattfanden, interessiert nicht. Die meisten Kommentare gehen ohnehin davon aus, dass der mutmaßliche Täter schon früher auffällig gewesen sein muss. Doch selbst wenn es so wäre, gibt es keine Tat, die es rechtfertigt, die Würde eines Menschen herabzusetzen und ihm sein Recht auf körperliche Unversehrtheit zu nehmen. Die Prügelstrafe ist abgeschafft und wird es hoffentlich auch bleiben.

Zum Glück gibt es sie dann doch noch, die Gegenkommentare. Die Leute, die auf den Untersuchungscharakter der Haft hinweisen, auf die inakzeptable Generalisierung von Asylbewerbern als Kriminelle und vor allem auf die unter keinen Umständen rechtfertigbare Misshandlung eines Menschen. Sicher kämpfen sie auf verlorenem Posten gegen bornierte Populisten. Dennoch geben gerade diese Kommentare Anlass zur Hoffnung, dass es Leute gibt, die sich nicht nur Alltagsrassismus, sondern vor allem unmenschlichen Entwürdigungen jeglicher Art in den Weg stellen. Danke.

 

(Die Kommentare sind unverändert übernommen)

(Den Artikel findet ihr unter: http://www.spiegel.de/panorama/justiz/burbach-misshandelter-fluechtling-sitzt-in-u-haft-a-996576.html )

(Tatsächlich hat die Autorin den Tatort nicht gesehen und findet die meisten Tatorte auch nicht schnöde)

 

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