29.06.2014: „Du scheiß Gutmensch Du!“ – über eines der schönsten Schimpfworte v. J. M. für LGN

„Du scheiß Gutmensch Du!“ – über eines der schönsten Schimpfworte v. J. M. für LGN –

Das Wort „Gutmensch schaffte es 2011 auf Platz 2 bei der Wahl „Unwort des Jahres“

gesellschaft1 Foto: Barbara/Facebook
Wir kennen viele böse Worte die aus der Fäkal-/Vulgärsprache stammen. Wir wollen die auch gar nicht aufführen. Amüsant ist, dass wir immer wieder mit einem Wort regelrecht beschimpft werden, wenn wir die Seele von Nazis oder von deutschen selbsternannten Patrioten treffen. Gerade jetzt zum aktuellen Zeitpunkt zur Fußball WM in Brasilien scheinen wir manch Nerv zu treffen. Wenn wir die Glanzparty und wehende Deutschlandfahnen auf unseren Straßen kritisieren. Immer dann, wenn wir appellieren alten Nazisprachschatz nicht zu verwenden, wir alltagsrassistische Entwicklungen auf Fanmeilen bloß stellen oder wir über die Polizei bei harten Übergriffen gegen Menschen die bei uns Zuflucht suchen berichten. Genau dann kommt es im Social Media zu einer explosionsartigen Empörung. Wie kann man nur? Wie kann man in diesen Zeiten nur kritisch sein und sich von dem patriotischen bunten Treiben nicht einlullen lassen? Ist doch alles nur ein toller Spaß!  Wir sind doch alle eins. Wir sind deutsch. Klingt für uns total romantisch, aber eben auch komplett unrealistisch. Schnell wird aus den Reaktionen mancher User ein Sturm der Entrüstung und in diesem Rahmen der impulsiven Auseinandersetzung via Kommentarleisten im Internet fällt dann immer wieder das böse Wort „Gutmensch“. Ein Wort mit dem man unsere Kolleginnen und Kollegen die das gleiche tun wie wir und schließlich uns selbst, scharf angreifen möchte. „Gutmensch“!
Mal ehrlich, dieses Wort begleitet uns seit unseres Bestehens. Ein Wort welches in der rechtsextremistischen Szene entstanden ist, um seinen Gegnern einen Namen zu geben. „Gutmenschen“ sind eigentlich die Bösen! So so. Den Nazis von heute fiel eben nichts Besseres ein. Die handelsüblichen Beschimpfungen finden eher auf deren Aufmärschen statt. Würde ja auch ziemlich blöd aussehen, wenn Dich jemand aggressiv, bedrohend, martialisch und wütend anschreit körperlich Gewalt androht und als Ergebnis kommt dann  „Du scheiss Gutmensch“ oder so dabei heraus. Nicht gerade furchterregend. Wobei wir die Gefahr die durch diese Typen grundsätzlich entsteht damit nicht aufheben oder verharmlosen wollen. Bei grölenden Zusammenschlüssen haben wir zumindest nie das Wort „Gutmensch“ gehört.
Was bedeutet eigentlich „Gutmensch“
Ehrlich gesagt, wir wissen es nicht. Wer sich dieses Wort als Wort der Verunglimpfung auch immer hat einfallen lassen der muss eine wunderbare Fantasie gehabt haben. Welch Kreativität. Ich bin böse-Du bist gut, oder was sollen wir damit assoziieren. Was ist denn eigentlich gut? Ehrlich gesagt, vieles ist gar nicht gut und diejenigen die das vielleicht sehen und darüber berichten sind keine Hippies aus den Siebzigern, keine scheuen Lämmer. Die die jeden Tag über Missstände berichten werden durch Wahrheiten ja nicht automatisch zu „Gutmenschen“, oder doch?
Wenn mit „Gutmensch“ die Leute gemeint sind die immer wieder tief in die deutsche Wunde bohren. Die Leute die auf rassistische, rechtsextremistische Entwicklungen, auf eine verfehlte Flüchtlingspolitik hinweisen und an das geschichtlich begründete Verantwortungsbewusstsein appellieren. Wenn diese Leute gemeint sind, dann sind auch wir sehr gerne „Gutmenschen“. Klingt doch fabelhaft. Also liebe Kritikerin und Kritiker in der virtuellen Welt! Beschimpft uns ruhig weiter mit einem Wort, welches uns einen gewissen Glanz verleiht. Gut zu sein, ist nichts schlechtes. Wobei ich selbstkritisch bezweifle, dass wir wirklich so gut sind! Weil Engel, sind auch wir nicht!
Wikipedia: Gutmensch ist sprachlich eine ironische Verkehrung des ausgedrückten Wortsinns „guter Mensch“ in sein Gegenteil. Der Ausdruck gilt als politisches Schlagwort mit meistabwertend gemeinter Bezeichnung für Einzelpersonen oder Personengruppen („Gutmenschentum“). Diesen wird vom Wortverwender eine Absicht bzw. Eigenschaft des – aus Sicht des Sprechers – übertriebenen „Gutseins“ oder „Gutseinwollens“ unterstellt, wobei diese angebliche Haltung unterschwellig als übermäßig moralisierend und naivabqualifiziert und verächtlich gemacht wird. In der politischen Rhetorik wird Gutmensch als Kampfbegriff verwendet.[1] Im Januar 2012 erhielt das Wort als Unwort des Jahres2011 in Deutschland den zweiten Platz. In der Begründung gab die Jury an, mit dem Wort werde „insbesondere in Internet-Foren das ethische Ideal des ‚guten Menschen‘ in hämischer Weise aufgegriffen, um Andersdenkende pauschal und ohne Ansehung ihrer Argumente zu diffamieren und als naiv abzuqualifizieren“, und kritisierte die aus ihrer Sicht 2011 einflussreich gewordene Funktion des Wortes als „Kampfbegriff gegen Andersdenkende“.[2]
J. M. für LGN

 

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