25.06.2014: „Ich bin kein Nazi, nur weil ich…“ v. J. M. für LGN

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Bist Du wirklich stolz auf Dein Land? – Nein, Du bist kein Nazi, aber fragen können wir ja mal…

Ein Bekannter, dessen Freundin auf Gran Canaria lebt, erzählte mir gestern wie die Spanier auf der Insel (auch wenn sie jetzt schon nicht mehr am Turnier teilnehmen) mit der Vorrunde der Fußball WM in Brasilien umgegangen sind. Er besuchte seine Freundin in der letzten Woche und wunderte sich, dass er an Hausfassaden, Autos u. s. w. kaum Spanien-Flaggen entdecken konnte. In einer Kneipe erklärten ihm die Einheimischen, dass dies zu nationalistisch sei. Fußballfan ja, dem Land die Daumen drücken ja, sich freuen wenn die Nationalmannschaft gewinnt ja, aber man soll es ja auch nicht übertreiben, so die Gesprächspartner. Im Stadion oder auf den Fanmeilen mit entsprechender Kleidung rumlaufen sei o.k., aber dort finden die Spiele ja auch statt.

Warum diese Einleitung? Jeder kritische Artikel zur Fußball WM und dem einhergehenden Party-Patriotismus erhält im Moment eine riesige Aufmerksamkeit. Empörung macht sich breit, wenn Menschen den Fahnenkult schlichtweg übertrieben finden. Geradezu ein Shitstorm hagelt auf die Redaktionen nieder. Wir verlinkten auch auf unserer Facebook Seite mehrere Artikel dazu. Die Reaktionen waren und sind heftig. Zwei Drittel der Kommentare arteten in Empörung darüber aus, dass wir alle, die eine Deutschlandfahne tragen in die Naziecke drücken würden. Gar von Miesmachern ist die Rede. Einer empörte sich und schrieb „…Ihr wollt´uns nur die WM mies machen!“ oder „…Ihr Gutmenschen seht überall Nazis“ und so weiter und sofort.

Zitat eines Facebook-Users: Sorry, kaum ein Mensch auf dieser Welt, der nicht einen gewissen Nationalstolz hat, nur wir Deutschen gelten sofort als Nazis, wenn wir auch nur im Ansatz stolz auf unser Land sind. So, wenn schon LAUT, dann richtig: ICH BIN STOLZ AUF UNSER LAND!!! Bin ich jetzt ein Nazi? Mich kotzt dieses scheinheilige Getue mittlerweile mehr als an: Jedes Wort, jede Äußerung wird erstmal auf möglichen Rassismus geprüft, auf political correctness, könnte ja sein, dass irgendein Wort mal vor gefühlten 1000 Jahren einen rassistischen Hintergrund hatte (ob mir das klar ist, steht dabei natürlich auf einem anderen Blatt) – So, dem Normalo wird also permanent das Wort im Munde herumgedreht, böse ausgelegt, mitunter traut man sich kaum noch, irgendwas zu sagen. So kann man den Leuten auch den Mund verbieten. Gleichzeitig aber auf friedliches Miteinander bestehen? Irgendwas passt da nicht.

Die Wahrnehmung dieses Users spiegelt die Auffassung so vieler Kommentargeber wieder, dass wir uns fragen was wir dagegen tun können. Falsch verstandene Fußballfans? Falsch verstandener Patriotismus? Nein! Nur ein Appell an das Verantwortungsbewusstsein. Deutschland ist, ob man nun will oder nicht, kein Land wie jedes andere. Deutschland hat eine Geschichte die in der Zeitrechnung gar nicht so lange her ist. Unter die Partymasse mischen sich auf Fanmeilen und in Stadien allzu oft Alltagsrassismus und rechtsextremes Gedankengut von gestern. Vielleicht unüberlegt, aber manchmal auch gezielt. Gerade diejenigen die nach einem Nationalstolz suchen sollten sich fragen, ob sie diese Minderheiten mit ihren Deutschlandfahnen mit tragen wollen, oder ob sie zumindest gegen wirken, wenn ewig Gestrige oder auch nur naive Fußballfans rassistische Parolen brüllen. Auch wenn diese Menschen eine geringe Menge des Ganzen darstellen, so ist es genau diese Minderheit die ein Nationalempfinden (wenn man jenes denn als Identifikation überhaupt benötigt) während einer WM massiv stört und ein anderes Bewusstsein bei den anderen wecken müsste.

Ja, ich schreibe jetzt Persönliches. Vielleicht ist es mein subjektives Empfinden, dass bei diesem ganzen Fahnenwirrwarr alles andere vergessen wird. Vergessen werden die alltäglichen Probleme, die immer problematischer werdende Politik, die Menschen die immer mehr ausgegrenzt werden. Vergessen wird die eher unzureichende Geschichtsaufarbeitung die neben den Lehrplänen hätte passieren soll. Vergessen wird, dass dieses Land die Täter von damals erst nach 50/70 Jahren anklagte. Vergessen wird eine teilweise unmenschliche Flüchtlingspolitik, das Diskriminieren von Menschen mit Handicap. Vergessen wird der alltägliche Rassismus, der mit einem kruden gewollten Humor die Opfer verunglimpft, weil man selber vielleicht nie Opfer war.

Es gäbe noch so viele Dinge zu erwähnen, die man vielleicht mit der deutschen Fahne umhüllt bei einer Fußball Weltmeisterschaft vergisst. Nein, ich bin nicht stolz auf mein Geburtsland, weil ich zufällig dort zur Welt kam. Worauf bin ich stolz? Was ist Stolz? Ein Begriff den ich selten anwende, wenn ich mich darüber freue, dass ich eine tolle Leistung vollbracht habe, ein Tor erzielt oder sonst irgendwas selbst erreicht habe was ich erreichen wollte. Ich persönlich respektiere die Leistungen anderer Menschen. Ich kann mich unabhängig von der nationalen Identität an Dingen erfreuen. Wenn die DFB-Mannschaft gut spielt erfreue ich mich an einem spannenden und schönen Fußball, aber nicht daran, dass die Herren auf dem Rasen einen Bundesadler vor sich hertragen. Wie geschrieben, das ist meine subjektive Einstellung und kein Pauschalurteil über diejenigen die es vielleicht anders sehen wollen. Ich kann verstehen wenn Menschen stolz auf ihre Kinder, Frau, Eltern oder wie auch auf ihre eingebrachten Leistungen sind, aber mehr auch nicht.

Die Weltmeisterschaft ist irgendwann vorbei und oft habe ich erlebt, dass manch einer der bei Sportereignissen sich in den Nationalstolz begibt sich anschließend wieder über all das was in diesem Lande abgeht aufregt und all das was passiert, gar nicht mehr so toll findet.

J.M. für LGN

 

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