06.06.2014: Was interessiert uns der Dreck von gestern? Straffreiheit für Nazis? v. J.M.

Über den Umgang mit den Verbrechen der Nazis von damals –Konzentrationslager – Erschießungen – Oradour – Lidice – Einzelmorde

Erschießung

Foto: Erschießung einer jüdischen Frau und ihres Kindes durch Einsatzgruppen nahe Iwangorod in der Ukraine (vermutlich 1942/Wikipedia) 

„Was kann ich für den Dreck von damals, ich lebe jetzt“ Ein Satz der sich mir eingeprägt hat und den ich seit 14 Jahren in denen ich mich gegen den aufkeimenden Rechtsextremismus beruflich engagiere immer wieder höre und wahrnehmen muss. Dabei liegt die Verantwortung bei uns allen. Gerade die nachfolgenden Generationen der Altnazis, verdrängt seit Jahrzehnten die verbrechen von damals so, dass Täter nicht einmal zur Verantwortung gezogen werden.

Anstoss für diesen ist eine ARD Reportage über das französische Dorf Oradour.

„Wenn uns die peinliche Vergangenheit einholt. Die deutsche Staatsanwaltschaft hat jetzt 70 Jahre nach diesem Kriegsverbrechen, die Ermittlungen aufgenommen.
„Der Fall Oradour – in Frankreich ein nationales Trauma, in Deutschland kaum bekannt. Es ist das größte Massaker, das im Zweiten Weltkrieg von der SS in einem kleinen Dorf des Limousin an der französischen Zivilbevölkerung verübt wurde. Am 10. Juni 1944, vier Tage nach der Landung der Alliierten, ermordeten Soldaten der SS-Division „Das Reich“, schon auf dem Rückzug, 642 Bewohner des Dörfchens Oradour-sur-Glane auf barbarische Weise.“

Oradour steht als großes Beispiel für den Umgang mit NS-Mördern und Kriegsverbrechern. Das Wort Kriegsverbrecher klingt für mich viel zu harmlos. Nein, sie haben gemordet und gebrandschatzt. SS Schergen wie auch Wehrmachtsangehörige und Polizei waren für mich keine braune wabernde Masse, die töten und auslöschen musste. Jeder Einzelne von Ihnen war tätig. Auf Karriere bedacht oder einfach folgsam. Oradour, der kleine französische Ort wurde ausgebrannt. 642 Zivilisten, überwiegend Frauen und Kinder wurden nachweislich von Angehörigen der SS Division „Das Reich“ abgeschlachtet und hinterher verbrannt. Ohne strategischen Grund. Einfach nur so. „Schnee von gestern“ werden jetzt wieder einige sagen. Nein, es ist auch „Schnee von heute“.

Genau heute vor 70 Jahren wurde in dem Ort das Leben ausgelöscht. Ausgelöscht durch deutsche Nazis. Nazis, die nach dem Kriege nicht zur Verantwortung gezogen wurden.

„Tatsächlich wurde es zu einer „toten“ Stadt, die kaum Lebensfreude ausstrahlte. Dies hatte seinen Grund in dem Gerichtsverfahren, das Anfang 1953 in Bordeaux stattfand und das Oradour als zweites Trauma erlebte. Die Mehrheit der Angeklagten nämlich waren zwangsrekrutierte Elsässer, deren Verurteilung in ihrer Heimat zu solchen Protesten führte, dass die französische Regierung sie schließlich amnestierte. Die Entrüstung darüber war in Oradour so groß, dass der Ort seine Beziehungen zum französischen Staat hinsichtlich der Erinnerung an das Verbrechen abbrach. Oradour wurde über Jahre zu einem Ort, der sich auf sich und seine Trauer zurückzog: strikte Reglementierungen, was Feiern und Feste anbelangte, kein Blumenschmuck im Dorf.“

In der ARD Dokumentation wird deutlich wie durchsetzt das Nachkriegsdeutschland noch mit Nazis war. In Schlüsselpositionen.

„Die ausbleibende Gerechtigkeit setzte sich für Oradour auch auf bundesdeutscher Seite fort. Vor allem die Tatsache, dass der Kommandeur der SS-Division „Das Reich“, Heinz Lammerding, in der Bundesrepublik niemals für das Massaker belangt wurde, sondern in Düsseldorf eine gutgehende Baufirma führte, wurde für Oradour das Sinnbild für die ausgebliebene strafrechtliche Ahndung des Verbrechens in der Bundesrepublik.“ (Spiegel Online)

„Heinz Lammerding“ wurde gar offensichtlich von deutschen Behörden gewarnt, als man versuchte ihn später in Düsseldorf anzuklagen. Bevor dies geschehen konnte gab man ihm einen Tipp, so dass der damals als Bauunternehmer tätige Nazischerge in die amerikanische Besatzungszone floh, wo er durch französische Justiz nicht mehr belangt werden konnte.

Oradour-sur-Glane

Foto: Spiegel Online

Von wegen „Schnee von gestern“ 70 Jahre hat es gedauert, bis die deutsche Staatsanwaltschaft das Verfahren gegen die Täter in Uniform von Oradour aufgenommen hat. Der zuständige Kriminalbeamte hat inzwischen 130 der Täter recherchiert. Einige leben wohl noch und doch kann man sie nicht anklagen. Die Staatsanwaltschaft muss erst einmal nachweisen, dass das Gemetzel Mord und nicht Totschlag war. Am Beispiel der Erschiessung von Männern in Oradour scheint „Mord“ bewiesen zu sein. Wohl aber noch nicht so weit, dass man zur Anklage schreiten kann. Totschlag verjährt-Mord eben nicht.

Die meisten der 130 Täter hatten den Krieg überlebt und sind in ihr Privatleben als scheinbar anständige Elsässer und Deutsche zurück gekehrt. Wahrscheinlich lebten sie 70 Jahre lang ihr gewissenloses normales kleines oder großes Spiesserleben.

Jetzt sie anzuklagen, macht zwar Sinn, aber symbolisch steht dieser Zustand für unsere ureigene Geschichte. Und genau deshalb sind die nachfolgenden Generationen aufgerufen, alles erdenkliche dafür zu tun, dass solche Verbrechen nie wieder geschehen und aufgeklärt werden.

Von diesen Geschichten gibt es Millionen. Nur 30 % der SS Schergen in den Konzentrationslagern wurden vor Gericht gestellt. Nur ein Bruchteil wurde verurteilt. Ganz zu Schweigen von den Erschiessungskommandos die am millionenfachen Mord an der Zivilbevölkerung (in Russland und in Europa) beteiligt waren, oder eben auch Einzeltäter denen kein Leben wertvoll war, wenn sie es auslöschten. Alles im Sinne ihres Führers.

Wir tragen heute eine große Verantwortung. Die Nazis sind wieder da. Europaweit sind sie aktiv und nur wir können Schlimmes verhindern, wenn wir etwas tun. „Nicht vergeben-Nicht vergessen“ ist ein wichtiger Anfang dafür, die Entwicklungen in falsche eine Richtung zu bremsen oder gar zu stoppen.

Aus diversen Dokumentationen geht leider hervor, dass in beiden Staaten verdrängt wurde, was damals geschah. Mit dem Ergebnis, dass Täter nie zur Rechenschaft gezogen wurden. Diese Täter haben meist Kinder gezeugt und nie Reue gezeigt. Mit Hilfe der Behörden, die versäumten sie zu verfolgen. Beschämend und traurig. Es bleibt die Hoffnung, dass wir es besser machen. Nur leider gehen auch heute Nazis und Rassisten wieder straffrei oder mit milden Strafen aus. Das ist noch beschämender, weil es manchmal scheint, als hätte dieses Deutschland nichts gelernt! J. M. für LGN

 

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