27.12.2013: Ein gehässiger und zugleich versöhnlicher kurzer Blick auf das Jahr 2013 durch unseren Kampagnenleiter und Vereinsvorsitzenden…! J. M. für LGN

fussi-2
Bild-Quelle: Henning Homann / Flickr

Haben wir es nicht schon immer gewusst: „Nazis haben ´nen Kleinen“. Vielleicht ist dies der Grund, warum ich zusammen mit Engagierten am 01. August 2004 die Medienkampagne „Laut gegen Nazis – Rechte Gewalt kann jeden treffen“ in das Leben rief. Eine Kampagne die dazu führte, dass wir im Jahre 2008 mit insgesamt 19 Gründungsmitgliedern den Verein „Laut gegen Nazis e. V.“ gründeten, der heute im Großen und im Kleinen, Dank engagierter Mitglieder, so viel bewegt. Gegen die Schwanzverlängerung der Menschenverachtung, der Gewaltkeule von Nazis, die sich 10 Jahre nach dem Start unserer Kampagne immer noch ausleben. Meist in der Tat männliche Nazis, die ihrem Hass stets freien Lauf lassen. Natürlich gibt es in der rechtsextremistischen Szene neuerdings auch ein neues Frauenbild. Selbstbewusste Nazibräute, die manchmal sogar als Erzieherinnen in  Kindergärten tätig sind oder sonst wo ihren nationalistischen Schwachsinn verbreiten. Eine ganz Besondere dieser Spezies erleben wir gerade beim NSU Prozess in München. Beate Zschäpe, die ihre beiden Mörder-Lover mit Pizza und vielleicht gar Liebe versorgte und womöglich eine treibende Kraft bei der Ermordung von 10 Menschen war.

Nein, die Situation hat sich auch in diesem doch durchaus manchmal verkorksten Jahr 2013 nicht geändert. Alltagsrassismus, Menschenhass und Nazigedankengut sind stets präsent. Wenn ich mir so manch Ereignisse aus 2013 ansehe, wird mir übel und ich frage mich, sind wir alle noch zu retten?

Von der angeblichen Unwissenheit in Behörden und Politik

NSU-Bericht-Bundestag-Rassismusdebatte

 Foto: Entschuldigung des Bundestages an die Opfer des NSU

Ich betrachte das Ganze vielleicht in einem anderen Zeitraffer und denke zurück. Im November 2011 wurde der Fall des NSU bekannt. Ein Schock ging durch das Land. Zuvor hatte die Bundesregierung noch sämtliche finanzielle Fördermittel für Initiativen gegen Rechtsextremismus in Deutschland noch massiv kürzen wollen. Die Bundesregierung hielt damals bis zum Herbst noch an einer wesentlich geringeren Anzahl von Todesopfern rechter Gewalt fest. Über ein Jahr hatte es nun also gedauert, bis massive Fehler der Behörden und des Verfassungsschutzes im Rahmen des NSU aufgearbeitet wurden. Ein Sumpf von Skandalen und vernichteten Ordnern (das sollten wir mal machen). Und im September dieses Jahres dann endlich (muss aufpassen, dass ich nicht zynisch werde), die offizielle Entschuldigung des Parlaments durch den Bundestagspräsidenten Lammert.

Aber dies ist ja noch nicht alles. Im November/Dezember 2013 lieferten die Behörden eine erschreckende Neuigkeit. Es könnte sein, dass bei ca. 700 Gewaltdelikten seit 1990 vielleicht doch ein  rechtsextremistischer Hintergrund festzustellen ist. Und am „Heiligen Abend“ teilte man uns zum „Fest der Liebe“ noch eine Verdopplung der Aktivitäten von Nazis vor Flüchtlingsheimen mit. Naja, stört ja in der romantischen Weihnachtsstimmung kaum noch jemanden.

Mein Fazit fällt für mich selbst niederschmetternd aus. 69 Jahre nach der Naziherrschaft wird seitens der Behörden auch heute noch verdrängt, verschönert und kaum Verantwortung übernommen. Die neue Bundesregierung (wohlbemerkt die große Koalition) hat zumindest die Abschaffung der von der damaligen Familienministerin Schröder eingeführten so genannten Extremismusklausel angekündigt. Das könnte vielleicht ein wenig Mut machen. Ebenso wurden die Fördermittel wieder erhöht.

Lampedusa ist überall – Rassismus tötet

Refugees-Seek-Shelter-In-Hamburg-Church-Activists-Demonstrate-In-Support

 Foto: abendblatt.de

Am 03. Oktober 2013 zeigte sich, was die europäische Flüchtlingspolitik für Menschen in Not bedeutet. 336 Menschen starben bei dem Versuch Europa zu erreichen. Die Lampedusa Katastrophe, die  es seit Jahren gibt und die wir bis dahin einfach nur nicht wahrnehmen wollten. Die Kolleginnen und Kollegen von Pro Asyl veröffentlichten die unglaubliche Zahl von ca. 20.000 toten Flüchtlingen der letzten Jahre vor den Küsten Europas.

Hinzu kommen tausende von Menschen, die aus ihrer Heimat Syrien fliehen müssen, weil dort Krieg, Tod und Hunger das Bild bestimmen. Und wir? Wie gehen wir mit diesen Menschen um? Die Gesetze unseres Landes und Europas lassen nur wenig menschlichen Spielraum zu. Allerorts entstehen so genannte Füchtlingsunterkünfte. Für die Menschen, aufgrund des so genannten Aufenthaltsstatus, den sie eigentlich nicht haben vielleicht ein kleiner Hoffnungsschimmer, aber doch keine Sicherheit.

Ganz vorn mit dabei ist die Hamburger Politik. Hier strandeten 300 so genannte „Lampedusa Flüchtlinge“ die das Herz von Bürgerinnen und Bürgern eroberten. In dieser Stadt wuchs 2013 das Mitgefühl, welches von harscher Senatspolitik nicht aufgefasst oder erfasst wurde. Bis zu 10.00o Menschen gingen bei den Demos für ein Bleiberecht der Flüchtlinge auf die Straße, um ihre Solidarität mit ihnen zu bekunden. Starr und engstirnig reagierte der Senat im Herbst mit verschärften Polizeikontrollen die mehr als fragwürdig sind. Der  St. Pauli Kirche ist es zu verdanken, dass die 300 männlichen Flüchtlinge noch nicht abgeschoben oder zurück nach Lampedusa geschickt wurden. Ein Ausgang der Situation ist noch nicht zu erahnen. Fakt ist, hier geht es um Menschenleben und nicht um irgendetwas oder um nackte Zahlen. Schicksale bei denen wir als Bewohner der reichen Industrieländer Verantwortung tragen sollten. Refugess welcome!

Die Mobilisierung von Nazis und Rechtspopulisten vor Flüchtlingsheimen

Demonstrationen wegen Asylbewerberheim

Foto: spiegel.de 

„Unsre Heimat unser Recht“, da muss ich gelinde gesagt kotzen. Nicht nur wegen der Rechtschreibung. Nein, den Nazis und den Rechtspopulisten ist es 2013 gelungen, so genannte normale Nachbarn gegen Flüchtlingsheime zu mobilisieren. In Berlin-Hellersdorf, in Greiz, in Duisburg, in Schneeberg und sonst wo wurden von Nazis irregeleitete so genannte Bürgerinitiativen gegründet mit denen die/der Normalo animiert wurde, mit Fackeln vor Flüchtlingsheime zu ziehen und dort ihren rassistischen Parolen freien Lauf zu lassen. Die Szenen die wir in diesem Jahr sahen erinnerten an die Vorspiele von Lichtenhagen, Mölln, Hoyerwerda, Solingen. Ganz bitter. Bedrohliche Szenarien, die schnell einmal im nächsten Schritt Menschenleben kosten können. Beängstigend und gleichzeitig ein Indiz dafür, dass mit purer Menschenverachtung andere vereinnahmt werden können.

Vorurteile werden geschürt, die deutsche Bürgerin und der deutsche Bürger haben Angst vor dem Fremden. Die Naziaufmärsche sind die eine Seite. Die andere Seite zeigt sich noch viel perverser. Wenn ich nur an den Hamburger Nobel-Stadtteil Rotherbaum denke, in dem man syrische Flüchtlinge in einem Gebäude unterbringen wollte. Hier ließen Elitäre, Intellektuelle ihrer Angst freien Lauf, indem sie in Interviews über die ausgehenden Gefahren einer Flüchtlingsunterkunft philosophierten. Da ging es um die Abwertung der im Umkreis stehenden Immobilien, um die Angst vor den Verlust von Parkplätzen, weil man ja wisse, dass die Bewohnerinnen und Bewohner solcher Heime stets kriminell sind. Ganz bitter.

Als Partner und Freunde der Organisationen „Pro Asyl“ und „Jugendliche ohne Grenzen“ werden wir mit „Laut gegen Nazis e. V.“ und „Wir stehen auf! – für eine Welt ohne Menschenverachtung“ Initiativen für ein Bleiberecht und die Rechte von Flüchtlingen weiterhin unterstützen.

Fazit 2013

Das Jahr 2013 zeigt, wie viel wir noch zu tun haben. Das einzige  was mir wirklich Mut macht, ist das Engagement von so vielen tollen Initiativen in Deutschland. Initiativen die für Menschlichkeit stehen, die sich den Nazis überall dort in den Weg stellen, wo diese Präsenz zeigen wollen. Initiativen die kreative und wunderbare Ideen entwickeln, veranstalten, aufmerksam machen und aktiv sind! Initiativen die für eine Welt ohne Menschenverachtung friedlich kämpfen. Initiativen, von denen ich zahlreiche im Rahmen unserer Kampagnen „Hamburg steht auf!“ und „Wir stehen auf! – für eine Welt ohne Menschenverachtung“ kennenlernen durfte und kennenlernen werde. Einen Rückblick auf unsere eigene Kampagnen wage ich morgen. Hier gab es 2013 viele Höhen und Tiefen. Morgen mehr…

LGN_Banner

 

J. Menge für LGN

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Festival, Musik, Online Radio, Politik, Rechtsextremismus, Spenden, Veranstaltungen, Verein, YouTube abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.