17.10.2013: Das Boot ist voll? – Nein ist es nicht! Geschichtliche Verantwortung geht anders v. J. M. für LGN

Menschlichkeit! Statt Zahlen, Statistiken und politischen Phrasen…

2-format1 Foto: Tagesspiegel.de

„Immer wieder werden wir nach dieser Zahl gefragt. Sie lautet heute 19.372. Das ist die Zahl der Menschen, die seit dem Jahr 1988 bis heute beim Versuch starben, nach Europa zu gelangen – und über deren Tod Berichte vorliegen. Der italienische Journalist Gabriele del Grande dokumentiert sie alle auf seinem Blog und summiert die Zahlen (http://is.gd/i59qIr). Die tatsächliche Zahl ist mit Sicherheit höher. Wenn es keine Zeugen gibt, gibt es keinen Bericht. Und selbst wenn es Zeugen gibt – berichten sie?“ (Pro Asyl im Oktober 2013)

Dies hier ist kein Artikel, der perfekt recherchiert ist. Dies ist meine persönliche Wahrnehmung, wenn es um Menschen geht die in unserem immer noch „Schlaraffenland“ Zuflucht suchen, weil sie in ihrer Heimat verfolgt und ausgehungert werden. Durch Kriegseinwirkung und Diktaturen. Wo wir doch gerade bei der Kriegseinwirkung sind. Die westlichen Industrienationen leben vom Rüstungsexport und es werden Milliarden gemacht. Milliarden die dreckig sind. Milliarden an denen der Tod hängt. Milliarden mit denen Familien, Männer, Frauen und Kinder zur Flucht gezwungen werden, weil sie Angst vor dem Sterben, Hunger haben und nicht mehr wissen wie sie ihren Alltag übereben sollen. Natürlich wird wieder so mancher sagen: „Der macht sich das wieder einfach!“. Ich sage „Ja!“, es ist eigentlich so einfach.

Nach 9/11 im Jahre 2001 gab es Statistiken, die niemand hören wollte. Demnach lebten schon damals 33,33 % der Menschen von der Armut und dem Elend der anderen 66,66 % (Gerhard Schröder stellte dies in einem Rundfunk Interview fest). Dies könnte sich jetzt noch verschärft haben, wenn wir davon ausgehen, dass die Bevölkerungsanzahl der Erde sich explosionsartig von Jahr zu Jahr erhöht. Die Industrienationen sind diejenigen, die seit Jahrhunderten ausbeuten, sind diejenigen die davon profitieren. Afrika ist reich an Schätzen und doch ist die Mehrheit der Bevölkerung dieses Kontinents arm und hungert. Wenn ich mir heute manch Phrase anhöre, muss ich unweigerlich an Kolonialherrschaften und die Apartheit denken (bis Mitte der Achtziger in Südafrika). Wie sollen Menschen die Jahrhunderte lang zwangsweise ausgebeutet wurden schnell lernen, wie man Profit macht und sich davon ernährt. Dies klingt provokant-soll es auch. Hier bei uns wird so getan, als könne man für die Situation in Afrika nun gar nichts. So ganz nach dem Motto, die sind ja selber Schuld. Nein, sind sie nicht. Unser Reichtum ist auch möglich, weil wir uns die wertvollen Güter eines ganzen Kontinentes jahrhundertelang einverleibt haben.

„Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Neger!“, so begrüßte Bundespräsident Heinrich Lübke Gäste bei einer Rede 1962 in Liberia/Afrika.

German_colonial_lord

Foto: Kolonialherr lässt sich tragen…

Welch rassistisch geistig Kind diese Anrede verbirgt ist doch leicht ersichtlich und zeigt wie die Gesellschaft der Reichen und des Westens noch damals vor knapp 50 Jahren geprägt war. Wenn ich dann an die amerikanischen Rassengesetze denke und an die Jahrhunderte lang andauernde Versklavung von Menschen, aufgrund ihrer Hautfarbe, dann wird mir einfach nur schlecht. Bilder die mir aus Kolonialzeiten in den Kopf schießen. Bilder von Herrenmenschen in den berühmten Kolonialuniformen, die auf Herrensitzen die schwarze Bevölkerung ausbeuteten. Ohne Skrupel, ohne Bedauern. Und heute, heute ist Afrika mit seinen Menschen wohl immer noch nichts wert. Da gab es in den letzten Jahren den Skandal, dass eine holländische Firma einfach mal mit Elektromüll handelte und diesen mit hochgiftigen Substanzen in Afrika abludt und dafür zu Hause Millionen kassierte. Nicht zu vergessen, die Bürgerkriege die in Afrika toben, bei denen wir zugucken, weil es dort nichts mehr zu holen gibt. Nein, die Historie ist mit Schuld, an dem Elend der Flüchtlinge von heute. Deutschland und Europa machen sich aktuell zudem schuldig, dass auf dem Meer Flüchtlinge aus Afrika elendlich ersaufen und sterben. Ein Zustand der erklärbar ist, auch gerade in Hinsicht auf die Geschichte.

Ich glaube, ich kann gar nicht so viele Beispiele erwähnen, da ich sonst überhaupt gar keinen Platz mehr hätte, andere Dinge und meine persönliche Auffassung hier zu schreiben, die für politische Intellektuelle naiv klingen mag. Aber, ich bin ein Mensch und als ein solcher emotional über den Zustand heute mehr als entsetzt und angefasst.

Menschlichkeit in Europa und Deutschland? Für Deutschland eine Pflicht, aufgrund der eigenen Vergangenheit!

Ich möchte mich auf Deutschland konzentrieren. Hier gibt es einen Bundesinnenminister Friedrich, der so galante Sätze formuliert wie „Das Boot ist voll“ oder „Italien muss in Hinsicht auf Lampedusa Verantwortung übernehmen“. Nein Herr Friedrich, Deutschland hat eine Vergangenheit. Und diese Vergangenheit ist nicht so glorreich, um solcherlei Phrasen von sich zu geben. Schon wird der Zeigefinger in Richtung EU gerichtet. Die EU sei ja allein verantwortlich für das Desaster. Dabei nagelt Deutschland seine Grenzen seit Mitte der Neunziger immer mehr zu. Polizei und so genannte Ausländerbehörden verrichten ihren bitteren Dienst und schieben Menschen ab in das Nichts und vielleicht gar in den Tod. Sogar Menschen die hier jahrzehntelang leben und arbeiten. Das Boot ist nicht voll, sondern „Sie“ haben Angst, dass man Ihnen ihre Yacht wegnimmt!, währen tausende Menschen versuchen in Holzbooten ihre Rettung zu suchen.

1003946_625918620794047_2057491967_n

Foto: „Jugendliche ohne Grenzen“- Amaro Drom e.V.

Am Beispiel Hamburg erkennen wir nicht nicht ein Stück Menschlichkeit. Da wird von „Asylrecht“ gesprochen, während ca. 270 afrikanische Flüchtlinge eigentlich nur auf Hilfe, Unterkunft und Essen hoffen. „Asylrecht“, was für ein Wort. Die Verschärfung jenes dazugehörigen Gesetzes fand nach den Pogromen in Lichtenhagen, Solingen und Mölln 1992/93 statt, bei denen Menschen durch einen Nazimob auch starben und Bürgerinnen und Bürger dazu gejubelt hatten. Möglichst wenig Menschen aus anderen Ländern aufnehmen und eine aggressive Abschiebungspolitik waren die Folge, die wir bis heute spüren.

Am besten ist das Herumgeeiere des Hamburger Senats in Persona des Innensenators Neumann und des Ersten Bürgermeisters der Freien und Hansestadt Hamburg, Olaf Scholz, die Rassismusvorwürfe überhaupt nicht verstehen können und sich betroffen fühlen, ob solcher Vorwürfe. Zitat aus „Die Welt“:

„Trifft Sie der Vorwurf des Rassismus, der von einigen Gruppen erhoben wird?“ (Die Welt)

„Er trifft mich besonders insofern, als damit Polizisten und Mitarbeiter des Einwohnerzentralamtes diffamiert werden. Das ist der Versuch, mit der deutschen Geschichte Gegenwartspolitik zu betreiben. Aber so ein Vorwurf macht wohl jeden persönlich betroffen. (Innensenator Neumann/Hansestadt Hamburg)“

Nein Herr Neumann, hier will niemand mit der deutschen Geschichte Gegenwartspolitik betreiben. Viel zu groß ist noch der Sumpf an Rassisten, rechtspopulistischen und rechtsextremistischen Parteien, nicht zu vergessen die immer gewaltbereitere rechtsextremistische Szene, die auf Wahlen scheißt und weiterhin Menschenjagd betreibt. Wir können unsere eigene Geschichte nicht ausblenden. Willkommen in der Realität. Da laufen heute so genannte Bürgerinnen und Bürger hinter NPD-Nazis her, wenn sie vor Flüchtlingsheimen wie Hellersdorf, Duisburg oder sonst wo ihre rassistischen Phrasen dreschen. Wenn wir diesen Zustand nicht hätten, dann wäre die Aussage eines Innensenators vielleicht verständlich, aber so empfinden wir die Argumentation von Neuman als Verunglimpfung für all die Opfer, die wir heute noch täglich erleben.

„Das Boot ist voll?“ Nein, wir müssen denjenigen etwas zurückgeben, was wir ihnen in Jahrhunderten geraubt haben. Menschenwürde! Menschenwürde zu leben und ihnen damit zeigen, dass wir sie mit offenen Armen und vielleicht sogar mit einem schlechten Gewissen empfangen.

Unser Wohlstand baut letztendlich auf das Elend anderer! Ich bin entsetzt über diese Politik, die durchaus rassistische Züge beinhaltet. „Refugees welcome!“, so sollte es sein.

J. M. für LGN

 

 

 

 

 

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Fußball, Musik, Politik, Rechtsextremismus, Spenden, Veranstaltungen, Verein, YouTube abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.