25.08.2013: Deutschland- ein zweites Sommermärchen! v. H. Lange

Deutschland- ein zweites Sommermärchen!

556843_10150339718169945_1669795628_n

Rostock-Lichtenhagen, Mölln, Berlin-Hellersdorf? Eine Kontinuität bürgerlicher Gewalt mitten in Deutschland oder ein zweites deutsches Sommermärchen?

Im Sommer 2013 erleuchten die Scheinwerfer der deutschen Medienlandschaft die Bühne für ein Spektakel der Perversion, bei dem die Politik V.I.P-Plätze in der ersten Reihe ergattert hat. Massenaufgebote der Polizei sind vor Ort, um die sich aufbäumenden Zuschauer_innen in Schach zu halten.

Der Schauplatz ist Berlin-Hellersdorf, wo sich die Anwohner_innen gegen die Bedrohung durch ein Flüchtlingsheim wehren. Wut, Drohgebärden, gebündelt durch eine Bürgerinitiative und unterstützt durch lokale NPD-Vertreter_innen, bestimmen seit einigen Wochen das Stadtbild des ohnehin problematischen Randbezirks.

Die Hauptdarsteller_innen sind erneut die Bürger_innen selbst. Eine Dauerschleife von rassistischen Stereotypen, untermalt von Sorge um Kind und Auto, bildet die Titelmelodie dieses Sommermärchens. Hitlergrüße auf der Straße und hetzerische  Flugblätter formieren sich zu einem Bühnenbild des Hasses. Das Casting für die Darsteller_innen war einfach, denn mitspielen darf jede_r. Soziale Schicht, Geschlecht und Bildung sind egal. Wir sind alle eins.

Der zweite Akt: Duisburg. Antiziganistische Parolen an den Wänden eines von Roma bewohnten Hauses und Flaschenwürfe aus vorbeifahrenden Autos sorgen für das richtige Flair auf der Bühne. Während die Polizei es nicht schafft, Schutz zu gewährleisten, entsteht eine Nachtwache engagierter Mitmenschen, die versucht den Bewohner_innen Schlaf zu ermöglichen.

In Duisburg sind die Straßen noch verhältnismäßig ruhig. Mutig und forsch sind die Hauptfiguren nur im Internet. Seit Wochen wirbeln Anschlagsdrohungen durch soziale Netzwerke.

Die Spannungskurve steigt täglich.

Ein paar hundert Kilometer weiter südlich gibt es einen Nebenschauplatz: das beschauliche Bayern. Hier, wo die Welt für gewöhnlich noch in Ordnung ist, wird seit einigen Tagen ein Protestmarsch von Flüchtlingen, die sich selbst non-citizens nennen, massiv durch polizeiliche Repression gehindert. Politische Vorgaben zur Helligkeit von medialen Scheinwerfern verhindern hier eine bundesweite Aufmerksamkeit. Noch ein Skandal ist der Truppe rund um den bayrischen Innenminister Herrmann (CSU) ja auch nicht zuzumuten, hat doch der Einsatz gegen die hungerstreikenden Flüchtlinge am Rindermarkt schon für genug Wirbel gesorgt.

Wenn es zu brenzlig wird, senkt sich der Vorhang vor der Bühne.

lichtenhagen

Was hat dieses Land gelernt?

Was ist eigentlich passiert zwischen 1992 und 2013 könnte man sich fragen, doch die Antwort ist ernüchternd. Das einzige Konsequenz aus Anschlägen auf ein Flüchtlingsheim ist natürlich nur eins: die Verschärfung der Asylgesetze zugunsten einer Politik der Abschreckung für Hilfesuchende.  Logisch. Auf den Tag genau 21 Jahre später nach dem Pogrom von Lichtenhagen tut die Politik dasselbe wie damals: Nichts.

Im Gegenteil, auch 2013 ist das Sommertheater wieder ein Verkaufsschlager. Daran verdienen tun nur die Kameraden aus dem rechten Spektrum.

Geändert hat sich nur eines: der antifaschistische Widerstand. Egal ob Berlin, Duisburg oder anderswo, die linke Szene schaut hin und ist zur Stelle, bevor es eskaliert. Nachtwachen in Duisburg, Infozelte in Berlin und Gegendemonstrationen gegen NPD Kundgebungen bundesweit sind ein Zeichen der Solidarität. Auch Medien und Zivilgesellschaft sind sensibler geworden, Rostock-Lichtenhagen ist noch nicht ganz aus den Köpfen verschwunden.  Und doch bleiben diese Menschen eine absolute Minderheit.

Insgesamt hat dieses Land nichts gelernt. Wären die paar hundert Menschen nicht, die durch ihre Präsenz Solidarität mit den Flüchtlingen zeigen und für ihren Schutz sorgen, so könne wohl niemand garantieren, dass keine Brandsätze in die Unterkünfte fliegen.

Schaut man in die Gesichter der tobenden Anwohner_innen in Hellersdorf, so hört man ihr Beifallgeschrei vor dem brennenden Haus schon in der Ferne erklingen.

Ein Märchen?

Für viele Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen mussten, gab es das Märchen vom friedlichen Deutschland, von Demokratie und Sicherheit. Jetzt sind sie mittendrin im deutschen Sommermärchen 2013.

Mal ehrlich: ‚Willkommen‘ kann man sie hier schon gar nicht mehr wirklich heißen, viel zu sehr überwiegt der Scham für das Verhalten vieler Menschen in diesem Land, das nur noch eines ist: eine Schande.

 

 

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Musik, Online Radio, Politik, Rechtsextremismus, Spenden, Veranstaltungen, Verein, YouTube abgelegt und mit , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.