13.06.2013: Diskussion zur „Homo-Ehe“ bei Anne Will: Kinder können auch hart sein, wenn man Schuhe mit Klettverschluss trägt – Ein Nachruf von L. Gelhaus

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Foto: Erika Steinbach (In-Online.de)

Diskussion zur „Homo-Ehe“ bei Anne Will: Kinder können auch hart sein, wenn man Schuhe mit Klettverschluss trägt

Nach peinlichem Hin- und Her ist es nun so weit: das Bundesverfassungsgericht hat nun endgültig das Ehegattensplitting für eingetragene Lebenspartnerschaften entschieden. Also muss nun auch die Union schweren Mutes einlenken.

Genug Anlass für eine erneute Diskussion zum Thema „Homo-Ehe“ bei Anne Will. Offensichtlich gibt es hier noch immer Redebedarf. Gäste waren FDP-Politiker Michael Kauch und Theologe David Berger, sowie die Sprecherin der „Initiative Familienschutz“, Hedwig von Beverfoerde und Erika Steinbach.

Die Argumentation bewegt sich eigentlich auf den üblichen Linien, war natürlich nicht ausgeglichen. Das würden die Fakten aber auch nicht zulassen.  Dennoch zeigt die Sendung, warum es sie noch geben muss: Steinbach und von Beverfoerde zeigen ein höchst bedenkliches Menschen- und Gesellschaftsbild.

Sie streiten ab, dass Lebenspartnerschaften genauso wie Ehen auf Dauer angelegt sind. Das Gegenargument, dass 1/3 der Ehen geschieden werden, wird damit abgeschmettert, dass die meisten Eheleute die Lebensgemeinschaft ja zumindest angestrebt haben. Für den Versuch gibt es dann eben all die Rechte, die homosexuellen Paaren verwehrt bleiben.

Rechte wie die Adoption.  Die Frage steht im Raum, warum Kinder, die offensichtlich eine schwierige Zeit hinter sich haben, nicht von einem liebenden Paar egal welcher sexuellen Orientierung aufgenommen werden dürfen. Steinbach entgegnet, dass es bereits mehr adoptionswillige „normale“ Paare gebe, als Kinder. Nachdem angesprochen wird, dass dies nur bei jüngeren Kindern der Fall ist entgegnet sie: „ältere Kinder werden auch bei gleichgeschlechtlichen Paaren nicht der Renner sein.“

Auch wurde natürlich, wie in jeder Debatte zu diesem Thema, die Identitätenbildung und Rollenverteilung in der „normalen“ Familie angesprochen. Ein Kind braucht nun mal eine Frau und einen Mann, um seine Identität bilden zu können und wenn eine Rolle fehlt, trägt das Kind Schäden davon, meint von Beverfoerde. Dass auch gleichgeschlechtliche Paare Kontakte zur Außenwelt und somit zu Menschen des anderen Geschlechts haben, wird nicht gesehen.

Steinbach stellt  dennoch in jeder ihrer Wortmeldungen sicher, dass keiner der Zuschauer sie als homophob wahrnehmen könnte. Um jeglichen Zweifel zu beseitigen holt sie die „wir-haben-Freunde-die-schwul-sind“-Kelle raus. Denn sie hat „ja nichts dagegen“, dass es homosexuelle Partnerschaften gibt. Nur fördern solle der Staat sie nicht.

In der Sendung sitzt aber auch Malte Czarnetzki, der, wie seine beiden Brüder, von einem lesbischen Paar erzogen wurde. Der junge Mann ist offenbar nicht nur sehr sympathisch, sondern auch noch intelligent. Ihm habe es an nichts gefehlt, sagt er. Dem Argument, dass man in der Schule gehänselt würde, wenn man zwei Mütter hätte, entgegnet er: „Natürlich können Kinder hart sein. Aber Kinder können auch hart sein, wenn man Schuhe mit Klettverschluss trägt.“ So einfach. Für ihn ist es in der Erziehung am wichtigsten, dass man zu einer Person heranwächst, die gesellschaftlich verantwortlich handelt. Und das habe nun einmal nichts mit dem Geschlecht zu tun.

Das eigentlich Skandalöse an der Sendung ist allerdings nicht der Widerstand an sich. Es ist die Art, wie Steinbach über Homosexuelle, über Familien, über Menschen an sich spricht. Sicherlich, Steinbach ist nicht gerade für ihre political correctness bekannt. Doch bei Anne Will spricht sie, ganz offen, von „Kinderproduktion“. Der Staat sollte homosexuelle Partnerschaften nicht fördern, da sie keine eigenen Kinder bekommen („produzieren“) können. Dieses Argument ist nicht nur falsch, es erinnert auch an ganz dunkle Zeiten der deutschen Geschichte (und Menschheitsgeschichte überhaupt), in denen Familienplanung eher mit Viehzucht zu vergleichen war und nicht zur „Zucht“ Fähige kastriert, sterilisiert oder ermordet wurden. Zudem bräuchte man, so Steinbach, auch die ganzen Einwanderer nicht mehr, wenn man nur selbst mehr Kinder produzieren würde. Dass Steinbach später Kinder mit Schnittlauch und Petersilie vergleicht, kann man da noch als missglückte Slapstick-Einlage werten.

Doch obwohl Steinbach und von Beverfoerde während der Sendung häufig ausgebuht werden, erhalten sie Szenenapplaus. Am Ende der Sendung wird eine Allensbach-Studie besprochen, nachdem 97% der Deutschen eine Familie als ein verheiratetes Ehepaar mit Kindern definieren. Ist Deutschland noch nicht bereit für „Vater-Vater-Kind“?

Diese Frage werden wir nicht beantworten können, wenn wir uns nicht trauen, den Schritt zu einer moderneren Gesellschaft zu gehen. Das Bundesverfassungsgericht hat den Boden geebnet. Nun liegt es an uns, den Steinbachs und von Beverfoerde dieses Landes davonzulaufen.

 

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