16.05.2013: Das Rothenburger Bündnis „Buntenburg“ und seine Zusammenarbeit mit „Wir stehen auf!“ v. Eva H.

Rothenburg IMG_0696 

Das Rothenburger Bündnis „Buntenburg“ und seine Zusammenarbeit mit „Wir stehen auf!“

Die bisherige Geschichte des Aktionsbündnisses Buntenburg mag zwar kurz sein, jedoch in Ihrer Ereignisdichte erstaunlich markant und vielfältig. Angefangen hatte alles mit einem einzigen Leserbrief der sich gegen ein geplantes NPD-Treffen in einem Rothenburger Lokal gerichtet hat. Kurz darauf fragte die NPD bei der Stadt Rothenburg an, ihren Parteitag in Rothenburg abhalten zu können. Dies wurde in aller Nüchternheit in der Zeitung unkommentiert dokumentiert und es folgte zwar eine einstimmige Stadtratsablehnung des Antrags der NPD, ein klares, einheitliches und vor allem öffentlichkeitswirksames Bekenntnis der Stadt, ein klares „Nein“ oder ein „nicht mit uns“ blieb jedoch aus.

Ein einziger Leserbrief von uns, dem späteren „harten Kern“ Buntenburgs brachte aber eine Welle ins Rollen, die bislang in dieser Stadt ihresgleichen sucht. Der Grundstein für das Aktionsbündnis war gelegt, denn dank der neuen Medien (in diesem Fall facebook) entstand schnell eine Gruppe Gleichgesinnter, die binnen weniger Wochen über 200 Mitglieder zählen konnte und in der eifrig diskutiert wurde.

Für eine Stadt, die bis dato nicht gerade geglänzt hat, was die dringend notwendige Aufarbeitung ihrer Geschichte angeht, eine Stadt, die um keinen Preis einen Imageschaden erleiden will, war allein dieses große Interesse der Bevölkerung das ein großer Erfolg für sich. Hier in der ländlichen, idyllischen, romantischen Umgebung Rothenburg ob der Tauber, „The Jewel of the Past” (Josh Hagen), ohne offenkundige, unmittelbar spürbare “straßensichtbare” Sozialprobleme – mit all dieser altdeutschen Verniedlichung der Kulisse geht auch eine Verharmlosung gesellschaftlicher Probleme einher – die es auch hier gibt und dazu gehören Einstellungen und Haltungen (nicht nur an Dorfgaststätten), die immer ein gefährliches Potential darstellen.  Nach unserer Beobachtung war und ist es auch gerade in unserer scheinbaren Traumwelt wichtig darauf hinzuweisen, was eigentlich Rassismus, Ausgrenzung, Sündenbocksuche und Antisemitismus bedeutet und welche Folgen es haben kann! Rechtsradikales Gedankengut wird hier zunehmend verharmlost, sowie falsch verstandener Nationalstolz.

Bei einem ersten „persönlichen“ Treffen im April 2013 fanden sich dann auch gleich über 30 Mitstreiter ein, die alle, aus allen Ecken der Gesellschaft, eins gemeinsam hatten: Diesen Themenkreis nicht ruhen zu lassen und am Ball zu bleiben. Das Bündnis Buntenburg „für ein weltoffenes und demokratisches Miteinander und gegen menschenverachtende, rechtsextremistische Ideologien“ war geboren. An dieser Stelle ist ein Zitat aus dem Grundkonsens des Bündnisses zur weiteren Erklärung hilfreich:

„Das Bündnis hat sich nach dem Versuch der NPD einen Parteitag in der Stadt durchzuführen gebildet. Hierbei hat sich das Bewusstsein verstärkt, dass Zusammenschlüsse der Zivilgesellschaft dazu beitragen solcherlei Bestrebungen zu verhindern. Zudem möchte das Bündnis „Buntenburg ob der Tauber“ auf die Gefahren durch rechtsextremistische Bewegungen in der Region stets hinweisen und demokratische Gegenpole bilden. Die Stadt Rothenburg ob der Tauber ist wie viele andere Regionen mit der Aufarbeitung der eigenen Geschichte in der Nazizeit nicht sorgsam umgegangen. Das Bündnis bestrebt eben diese geschichtliche Aufarbeitung. So werden bereits im April die ersten Stolpersteine in der Stadt verlegt. Vorrangig ist zudem die Sensibilisierung von Bürgerinnen und Bürgern betreffend des aktuellen Rechtsextremismus mit seinen Folgen in der Region und in der Stadt. Geplant sind in der Zukunft viele Veranstaltungen zur Aufklärung wie Lesungen, Workshops und solche die die Vielfalt der Region präsentieren.“

Unser großes Glück dabei war, dass Jörn Menge von „Wir stehen auf!“ bei diesem Gründungstreffen präsent war. Buntenburg benötigt die Unterstützung von „Wir stehen auf!“, weil dort bereits durchdachte und erprobte Strukturen vorhanden sind, die essentiell sind,  um die Bevölkerung unserer Stadt zu sensibilisieren und wachzurütteln.

734253_10151518967647384_104687422_n

Die Anfrage der NPD, hier ihren Parteitag durchführen zu wollen, kam leider nicht von ungefähr. Führungskader aus rechtsextremen Gruppen haben sich in und rund um die Stadt angesiedelt und versuchen in die Mitte der Gesellschaft durchzudringen. Mit scheinbar gelebter Normalität, vordergründig schlüssigen Slogans, mit aktiver Jugend- und Vereinsarbeit zieht sich der Wolf den Schafspelz über. Die Nazis wollen diskutieren, suchen Aufmerksamkeit und scheuen keine noch so perfide Methode um ihre im Grunde menschenverachtende Ideologie in die Köpfe zu transportieren. Demokratie und Gutmütigkeit werden missbraucht, um mit den Instrumenten einer freien Gesellschaft dieselbe abschaffen zu wollen.

Dagegen hilft nur Aufklärung und Bildung. Um in dem Organismus „Rothenburg“ mit unserem Anliegen akzeptiert und wahrgenommen zu werden benötigen wir professionelle Anleitung und das Knowhow von Jörn Menge. Ansonsten müssten wir hier mit jeder Aktion alleine am Punkte Null anfangen und laufen dabei Gefahr, alleine mit gutem Mut und gutem Willen nicht besonders weit zu kommen.

Die Initiative „Wir stehen auf!“ bildet das Fundament, auf dem wir für unsere Arbeit aufsetzen können. So können wir unsere Ressourcen sinnvoll und zielgerecht einsetzen, um den geistigen Brandstiftern zu zeigen, dass in dieser Stadt kein Platz für Fremdenhass und Nazi-Ideologien ist. Mit den passenden Referenten können wir Vorträge organisieren, Veranstaltungen aufsetzen und dabei in der richtigen Mischung aus städtischer Vergangenheits-Aufarbeitung und guten Bildungs- und Aufklärungsangeboten ein Atmosphäre von Offenheit, Entwicklung und geistigem Fortschritt fördern, in der sich Fremde willkommen fühlen.

Menschen aus ganz verschiedenen Ländern mit unterschiedlichen Sprachen wohnen in Rothenburg oder sind kurzzeitig hier zu Gast, ja im Verhältnis zur Einwohnerzahl ist Rothenburg die Stadt mit dem höchsten Anteil ausländischer Besucher. Eine konsequente Folgerung ist es da für uns, dass die Stadt eine Stadt der Vielfalt ist und gut daran tut, es auch sein zu wollen. Mit Menschen aus anderen Kulturen zusammenzuleben ist eine Bildungsaufgabe der Zukunft. Man muss fähig werden zuzuhören und sich einzufühlen in das „Ticken“ anderer.

Totalitarismen wie Rassismus, Antisemitismus, Gewalt durch Tat oder Sprache, Unterdrückung Schwächerer oder  Gewalt gegen die Natur halten wir für menschenfeindlich. Man sollte aber nicht nur gegen etwas aufstehen, sondern auch Anderes dagegensetzen. Buntenburg, gemeinsam mit „Wir stehen auf!“ will mit anderen gemeinsam lernen und einüben: Bewahrung von Menschenrechten, Frieden, Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung und wenn man so will, Philanthropie. Ein Hauptaugenmerk dem sich Buntenburg in Zukunft widmen wird, ist die Geschichte der verfolgten jüdischen Gemeinde in Rothenburg nachzuerzählen und sie festzuhalten. Darüber hinaus werden wir uns um die längst fällige Aufarbeitung des nationalsozialistischen Rothenburgs bemühen. Der viel zu leichtfertige Umgang Rothenburgs mit Themen aus der Nazi-Periode und einer bewusster Ausblendung der grausamen Folgen darf so nicht mehr länger hingenommen werden.

Ein Zitat des früheren Würzburger Oberbürgermeister Jürgen Weber, der am 16. März 1995 folgendes anlässlich des Jahrestages der Bombardierung und Zerstörung der Stadt Würzburg gesagt hat, passt hier sehr gut:

„Lassen Sie uns heute in Trauer gedenken der Opfer aller Kriege, der Opfer von Gewaltherrschaft und lassen Sie uns dabei nicht den vielfältigen Ursachenzusammenhang aus den Augen verlieren.“

(…)

„und uns allen die bleibende Mahnung und Verpflichtung und täglich bewusst zu machen, dass jedes verletzende Wort, jeder unbedachte Umgang mit dem anderen der Beginn des Unfriedens ist. Es liegt uns allen für den Frieden zu arbeiten“

Buntenburg wird von nun an gemeinsam mit „Wir stehen auf!“ aufklären und sensibilisieren und so jedem radikalem und in seinen Konsequenzen rechtsradikalem Gedankengut den Boden entziehen.

 

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Festival, Online Radio, Politik, Rechtsextremismus, Spenden, Veranstaltungen, Verein, YouTube abgelegt und mit , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.