29.03.2013: „Alltagsrassismus“ ist wie ein Faustschlag in die Fresse“ v. J. Menge

 

lebenswege.rlp.de
Foto: Lebenswege.rp.de
„Alltagsrassismus ist wie ein Faustschlag in die Fresse“ v. J. Menge
„Ein Beamter erfüllt mich mit mehr Sorgen als ein Neonazi“

„Und es muss mehr geschehen! Die größte Gefahr für die türkische Gemeinde in Deutschland ist nicht am Rande der deutschen Gesellschaft zu finden, sondern in ihrer Mitte! Ich wurde in meinem Leben ein oder zwei Mal von Neonazis unangenehm bedrängt. Aber Beamte, die mir nicht die richtigen Unterlagen gereicht haben, Vermieter, die plötzlich mitteilten, dass die Wohnung anderweitig vergeben wurde, Personalentscheider, die mich für mein gutes Deutsch gelobt haben, haben mir mehr geschadet als jeder Fausthieb und Tritt eines Neonazis tun könnte.“
http://www.turkishpress.de/de/news/22032013/was-hat-die-tuerkische-gemeinde-vom-npd-verbot-gar-nichts/4478

Abgesehen von dem skandalösen Verhalten des Oberlandesgerichtes München betreffend der Nichtberücksichtigung türkischer Presse beim kommenden NSU-Prozess, ist die türkische Gemeinde in Deutschland immer wieder berechtigt irritiert und auch geschockt. Die hier lebenden Deutschen türkischer Herkunft kämpfen täglich mit Rassismus. Alltagsrassismus, der in dieser unserer Zivilgesellschaft immer stets präsent ist.

taxilotse  Gestern fuhr ich mit einem Mann Taxi, der seit 40 Jahren in Deutschland lebt und auch die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt. Er erzählte mir von seiner Familie, seinen beiden Töchtern, die in Hamburg erfolgreich studieren. Besorgt fragte er mich: „ist es wirklich so, dass das was die Statistiken und Studien erfasst haben mit den 30% der Menschen in Deutschland und ihrem rassistischen Gedankengut, wahr ist? Das wären über 20 Mio. Deutsche die rassistisch denken und für rechtsradikales Gedankengut empfänglich sind.“ So schrieb eine türkische Zeitung deren Artikel er gerade einen Tag zuvor las. Er selbst hätte nie Anfeindungen in seiner Heimatstadt Hamburg erfahren, aber er mache sich große Sorgen, auch gerade aufgrund der Schlagzeilen aus München und der vielen türkischen Opfer rechter Gewalt. Er sei verunsichert teilte er mir mit und glaube, dass Politik und Behörden das Thema wohl verharmlosen wollen. Ein Beispiel für die Angst die gerade auch bei ca. 3 Mio. Deutsch-Türken umgeht. Eine Angst die nicht unberechtigt zu sein scheint.

Während unserer Aktionswoche „Wir stehen auf!“ besuchten wir Schulen und diskutierten dort mit Jugendlichen. Durchaus konnten wir zu dem Ergebnis kommen, dass gerade an Gymnasien und in Schulen, wo kaum Menschen mit Migrationshintergrund in den Klassen zugegen sind die Ressentiments größer sind, als in Klassen, in denen verschiedene Kulturen präsent sind. Eigentlich ein Zeichen für die misslungene Politik der letzten Jahrzehnte in Deutschland.

Auch das NPD-Verbot wird in der türkischen Gemeinde diskutiert. Die Nazis und Rechtsextremisten in Deutschland scheinen eher das kleinere Problem zu sein. Die Menschen, die sich hier eine Existenz aufgebaut haben und ein fester Bestandteil der hiesigen Gesellschaft sind, leiden eher unter ständigen Anfeindungen und Ablehnungen. Dies beschreibt letztendlich auch Wahi Ben Alaya, den ich am Anfang zitierte und der uns über Facebook anschrieb.

Letztendlich ist die Existenz von Rechtsextremisten und Nazis von heute doch nur möglich, weil diese Zustimmung erhalten. Dies zieht sich durch bis zu Behörden, die einen institutionellen Rassismus mancher Orts walten lassen.

Wir arbeiten projektbezogen mit „Pro Asyl“ Deutschland zusammen und gerade im Rahmen der Flüchtlingspolitik in Deutschland, lässt sich erkennen wie viel wir noch daran arbeiten müssen, damit Alltagsrassismus aus den Büros, den Kneipen, Fußballstadien und sonst wo endlich verschwindet! J. M. für LGN

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Fußball, Politik, Rechtsextremismus, Spenden, Veranstaltungen, Verein, YouTube abgelegt und mit , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.