20.03.2013: Eine nationale Hetzjagd v. H. Lange

Eine nationale Hetzjagd

Sie hätten sich ruhig ein bisschen mehr Mühe geben können, die lieben Nazis. Ganz so plump wie im Titel zu lesen, hätten wir die Propaganda dann doch nicht erwartet. Wo bleibt die bürgerlich verpackte Variante der Diskussion über Ausländerkriminalität? Wo steckt die unterschwellige Propaganda statt plakativer Parolen?

Böse Zungen würden ja behaupten, der „Mordfall Daniel S.“ im niedersächsischen Kirchweyhe vom vorletzten Wochenende kommt den Nazis gerade recht. Endlich gibt es einen realen Anlass, um den Hass gegen junge Türken in Deutschland zu schüren.

Der Tod des jungen Mannes, der nach einem Discobesuch von einer Gruppe junger Männer verprügelt wurde, sodass er den schweren Kopfverletzungen wenige Tage später erlag, stellt einen erschreckenden Fall kaum begreifbarer Gewalt dar. Dieser völlig sinnlose Tod eines Menschen ist für Familie und Freunde eine Tragödie. Und genau diese wird nun emotional inszeniert und für rechte Propaganda instrumentalisiert. Schließlich waren die Täter Türken. Und das ist das Einzige was hier zählt.

Tatkräftige Unterstützung gibt es dabei von der Bildzeitung, die mit Zitaten der Familie für die emotionale Dramatik sorgt und sich mit einem Artikel über Daniels türkischen „Killer“ an der beginnenden Hetzjagd beteiligt. Auf Facebook machen binnen kürzester Zeit Fotos mit Titeln wie „Daniel S.- von Türkenbande ins Koma getreten“ die Runde und Gruppierungen wie das „Bündnis-Zukunft-Hildburghausen“ verbreiten im Stundentakt ausländerfeindliche Hetze und propagieren Deutschenfeindlichkeit.

„Raus mit dem Kanakenpack“

In der unfassbaren Flut an Kommentaren zeigen sich die leuchtend weiße Schaumkronen der Wut auf kriminelle Ausländer/innen in ihrem ganzen Glanz: „Wann steht dieses Land auf und verjagt diese Schädlinge und Parasiten, die sich hier immer mehr ausbreiten?“ und die Anspielung „Heil ….“ sind hier nur exemplarische Beispiele der Gesinnung.  Appelle, dass man die Türken doch nicht verallgemeinern könne, sind hier nur selten anzutreffen oder bereits entfernt.

Der Blick in eine große Suchmaschine zeigt, dass sich neben den großen Medien, die nur vereinzelt über den Fall berichtet haben, sehr viele rechtsgesinnte Homepages und Blogs zu finden sind. Von plumpen Phrasen bis zu pseudointellektuellen Auseinandersetzungen mit dem Thema Ausländergewalt sind hier verschiedenste Formen der rechten Strategie anzutreffen. Auch die ach so unpolitische „Identitäre Bewegung“ darf hier natürlich nicht fehlen und beteiligt sich mit „Wach auf, es ist dein Land!“- Aufklebern direkt am Tatort. Wie schön.

Braun trägt nun schwarz

Zeitgleich formt sich dieser nationale Protest zum Gedenken an den Verstorbenen auch ganz real. In mehreren Städten fanden und finden Mahnwachen und Aktionen von örtlichen freien Kräften statt. So kamen in Hannover am vergangenen Donnerstag beachtliche 50 Neonazis aus ganz Norddeutschland zusammen, um mit Fackeln und Transparenten eine Mahnwache abzuhalten. Die nationale Szene trägt in dieses Tagen also schwarz statt braun.

Selbst Bertolt Brecht musste mit seinem häufig zitierten Satz „Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht“ für die rechte Hetze herhalten.

Am Ort des Geschehens in Kirchweyhe fand am vergangenen Samstag dann eine öffentliche Gedenkveranstaltung statt. Ein Polizeiaufgebot sorgte dafür, dass die Mahnwache ohne Störungen von Rechtsextremen ablaufen konnte. Diese wiederum äußerte im Internet ihren Unmut über die Worte des Bürgermeisters, sowie Personenkontrollen im Umfeld des Bahnhofs Kirchweyhe. Eine Teilnahme und damit einhergehende Agitation waren also offensichtlich klares Ziel

Durch das Internet geistert nun auch eine Onlinepetition, die eine Umbenennung des Platzes in den „Daniel-Siefert-Platz“ einfordert. Insgesamt hat sich innerhalb weniger Tage ein Netzwerk zwischen verschiedenen rechten Gruppierungen gebildet, die nun das Opfer Daniel S. als Anlass für eine Kampagne gegen Ausländer/innen nutzen. Insbesondere das soziale Netzwerk  Facebook bildet hier eine hoch frequentierte Plattform für rassistische und xenophobe Hasstiraden. Es ist doch immer wieder erstaunlich, welche Massen an „ganz normalen Bürger/innen“ all ihren Unmut über Ausländer/innen rausposaunen und somit ihre moralischen Hemmschwellen plötzlich vernachlässigen. Und bei all den virtuellen Diskussionen über den brutalen Überfall, rückt das eigentliche Geschehen immer mehr in den Hintergrund, überschattet von der Ethnizität der Täter und einer daraus resultierenden Übertragung auf die gesamte Volksgruppe.

Selbst davon abgesehen, wie geschmacklos es ist, den Tod eines Menschen für seine Zwecke zu missbrauchen, ist und bleibt es eine widerwärtige Propagandastrategie von Neonazis.

Ein derartiges Gewaltverbrechen darf von niemandem verharmlost werden. Doch die Ablehnung dieser Tat sollte aufgrund eines menschlichen Unrechtsgefühls stattfinden und nicht wegen der Ethnizität der Täter.

Es gilt: Nazipropaganda aufdecken und öffentlich machen! Auch, wenn es uns die lieben Kameraden und Kameradinnen in diesem Fall äußerst einfach gemacht haben.

http://www.bild.de/news/inland/totschlag/pruegelopfer-daniel-s-tot-29502766.bild.html

http://www.bild.de/regional/bremen/totschlag/das-ist-der-killer-von-daniel-29496848.bild.html

 

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