18.12.1012: Geld verdirbt den Charakter – Förderer der schnellen Gaskammern? „Degussa“ v.Laura G.

Geld verdirbt den Charakter

Heute Teilkonzern des Chemieriesen Evonik Industries war die Deutsche Gold- und Silberscheideanstalt, kurz Degussa, tiefer in die Verbrechen des NS-Regimes verstrickt, als manch anderes Unternehmen.

Nicht nur in die Aufrüstung und Kriegsvorbereitung, sowie Zwangsarbeit war das Unternehmen eingebunden, auch profitierte Degussa in großem Maße von der Verfolgung und Beraubung der jüdischen Bevölkerung. In den Schmelzöfen der Firma wurde jüdisches Gold in großem Maße verarbeitet. Zudem soll die Degussa spaltbares Material für das deutsche Atomprojekt beschafft haben.

Anbiederung an das System

Obwohl zum Zeitpunkt der „Machtergreifung“ noch keiner der Herren aus dem Vorstand Mitglied der NSDAP war, vermutlich, weil man diese Partei nicht ernst nahm, arrangierte sich das Unternehmen rasend schnell mit der neuen Regierung. Die Lenker des Unternehmens, von großbürgerlichen Konservativen bis hin zu überzeugten Nationalsozialisten, verstanden es, das Regime für die Unternehmensinteressen zu nutzen. Obwohl sich aus persönlichen Gründen der Umgang mit jüdischen Aufsichtsratsmitgliedern eher glimpflich gestaltete, profitierte Degussa erheblich von den so genannten „Arisierungen“.  So übernahm die Firma zehn Unternehmen, drei Beteiligungen, vier umfangreiche Aktienpakete, zehn Grundstücke und später ein Patent von jüdischen Bürgern. Während die Degussa bei den ersten „Übernahmen“ noch wenig Druck ausübte, tat sie dies nach 1938 auf eine „fast herzlose und auf Eigeninteressen bedachte Art und Weise“, so der Historiker Peter Hayes.

Das Geschäft mit dem geraubten Gold

Nach den Novemberpogromen wurde auch die Kapazität der Goldscheideanstalten ausgebaut. Nach dem 9. November 1938 entschied die Regierung, alle Edelmetalle der jüdischen Bevölkerung zu beschlagnahmen. Die „Entschädigung“ wurde auf gesperrte Konten überwiesen, bei Emigration oder Deportation vom Regime eingezogen. Das eingezogene Gold wurde von staatlichen Pfandhäusern an die Scheideanstalten gegeben, die das Material veredelten und später meist an die Reichsbank weiterleiteten. Als größte deutsche Scheiderei konnte Degussa der Bank bessere Konditionen bieten und erhielt so auch überdurchschnittlich viele Aufträge. Später erhielt das Unternehmen auch Goldbestände aus besetzten Gebieten, unter anderem Goldzähne aus dem Ghetto Lodz. Woher das Gold stammte, interessierte die Degussa nicht.

Auch setzte die Firma im großen Stil Zwangsarbeiter unter anderem aus Ghettos und Konzentrationslagern ein. Ein Jahr vor Kriegsende waren 1/3 der Belegschaft keine freiwilligen Arbeiter. Die Degussa erhielt als nicht „kriegsentscheidendes“ Unternehmen gar regelmäßig weniger Zwangsarbeiter, als sie beantragten. Der Umgang mit den Arbeitern hing stark von deren Rang in der NS-Rassenideologie ab, ihr Ende bildeten Juden und Ostarbeiter. Nach Stalingrad verschlechterten sich die Umstände für alle Zwangsarbeiter. Die Lager ähnelten Gefängnissen, die hygienischen Verhältnisse und die Verpflegungssituation waren katastrophal.

Degussa und Zyklon B

Mit 42,5% war die Degussa auch an der Deutschen Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung, kurz Degesch, beteiligt. Diese hielt seit 1922 das Patent auf die Herstellung von Zyklon B, einem Schädlingsbekämpfungsmittel, das ab 1942 in den Gaskammern von Auschwitz und anderen Konzentrationslagern zur industriellen Vernichtung tausender Menschen eingesetzt wurde. Es ist nicht abschließend geklärt, ob die Degussa in diese Verwendung des Giftgases eingeweiht war. Die Degesch spielte eine eher sekundäre Rolle für das Unternehmen, große Gewinne konnten aus dem Geschäft mit dem Giftgas nicht erzielt werden. Tatsächlich wurde der größte Teil des Gases zur Schädlingsbekämpfung in den Konzentrationslagern eingesetzt. Dies ist auch damit zu begründen, dass sehr kleine Dosen Zyklon B beim Menschen zum Tod führen. Nur 4 kg können 1000 Menschen töten. Dennoch ist es unwahrscheinlich, dass der Degussa die Vergasungen verborgen blieben. Als der damalige Geschäftsführer der Degesch in Nürnberg angeklagt wurde, stellte ihm die Degussa einen Rechtsbeistand und bot sogar an, die Kaution für seine Freilassung zu übernehmen. Vorstandsmitglieder der Degussa wurden nie angeklagt, durchliefen den üblichen Entnazifizierungsprozess und wurden als Mitläufer eingestuft. Viele kehrten in ihre alten Positionen zurück. Große Diskussionen stieß im Jahr 2003 die Beteiligung der Degussa am Berliner Holocaust-Mahnmal an.

Lange beschäftigte sich Degussa nicht mit der Aufarbeitung ihrer Vergangenheit. Erst als im Jahr 1998 eine Sammelklage ehemaliger Zwangsarbeiter aus den Vereinigten Staaten publik wurde, beauftragte die Firma einen Historiker, die Verflechtungen aufzuklären. Doch entgegen vieler anderer Unternehmen verhinderte Degussa die Resultate nicht. Noch heute kann man eine Zusammenfassung auf der Unternehmenspräsenz im Internet finden. Die Entschädigung der Opfer geht trotz der Vorreiterrolle in der Aufklärung nicht über das nötigste hinaus.

 

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