17.12.2012: Das Schweigen der Jäger v. Laura G.

Foto: Der Namensgeber des Schnapses „Jägermeister“

Das Schweigen der Jäger

„Wir sind Teil einer multikulturellen Gesellschaft und schätzen die Vielfalt von Menschen, Ideen und Überzeugungen“ heißt es im „Jägermeister Marketing Kodex“. 2011 finanzierte die Curt Mast Jägermeister Stiftung eine Informationstafel am jüdischen Friedhof in der „Jägermeister-Stadt“ Wolfenbüttel und veröffentlichte sogar ein Buch über den Friedhof. Ein Musterunternehmen, wenn es um die Vergangenheitsbewältigung geht? Weit gefehlt.

Im Jahr 1878 gründete Wilhelm Mast in Wolfenbüttel die gleichnamige Firma, damals auf die Essigherstellung spezialisiert. 1934 wurde von seinem Sohn Curt die Rezeptur für den heute weltweit bekannten Kräuterlikör entwickelt, für die ihm zunächst der Name „Hubertusbitter“ vorschwebte. Doch es kam anders. Curt Mast, selbst begeisterter Jäger bediente sich bei der Namensfindung am 1934 in Kraft getretenen Reichsjagdgesetz. Die Berufsbezeichnung „Jägermeister“, welche auch im Barock verwendet wurde, wurde hier eingeführt, Hermann Göring daraufhin zum „Reichsjägermeister“. Das Unternehmen und besonders die Familie Mast bestreiten vehement eine persönliche Verbindung zwischen Mast und Göring. Belegt ist aber, dass Göring seine Zustimmung zum Namen des Kräuterlikörs gab. Auch in der älteren Bevölkerung Wolfenbüttels herrscht die Erinnerung vor, dass Göring und Mast sich gekannt haben. Darüber hinaus ist eine persönliche Bekanntschaft wahrscheinlich, weil die beiden begeisterten Jäger in benachbarten Gebieten in den Wäldern um Braunschweig und Wolfenbüttel jagten. Der Likör wurde auch deshalb unter dem Namen „Göring-Schnaps“ bekannt.

Curt Mast bestritt zudem stets, Mitglied der NSDAP gewesen zu sein. Als Mitglied der DVP zog er in die Wolfenbütteler Stadtverordnetenversammlung ein, bevor er sich 1933 als einziges Nicht-NSDAP-Mitglied nach eigenen Aussagen als „Hospitant“ der Partei anschloss. Mit der Mitgliedsnummer 3183016 bezeichnete er sich noch 1944 als Parteigenosse.

Auch pflegte Mast Kontakte zum damaligen Ministerpräsidenten des Freistaats Braunschweig, Dietrich Klagges. Dieser trieb die Gleichschaltung des dritten Reiches besonders schnell voran, verhalf Hitler zu einem Wohnsitz in Braunschweig und ernannte ihn zum Regierungsrat, was ihm letztendlich die deutsche Staatsangehörigkeit und somit die Möglichkeit der Kanzlerschaft brachte. Auch ansonsten war der Gau Südhannover-Braunschweig ein Musterland der Nationalsozialisten. Bereits im Jahr 1922 wurde in Wolfenbüttel die erste NSDAP Ortsgruppe außerhalb Bayerns gegründet. Sozialdemokraten und Kommunisten wurden hier besonders stark verfolgt. Im Jahr 1941 erwarb Curt Mast die Grundstücke der jüdischen Bürger Ivan und Alfred Esberg, die zehn jüdischen Bewohner wurden umquartiert. Wohin, weiß man nicht.

Zum harten Kern der Nationalsozialisten scheint er dennoch nicht gehört zu haben. Im Jahr 1944 setzte sich Mast für die Freilassung seines politischen Gegners, des Sozialdemokraten Otto Rüdiger ein, als dieser nach der Aktion „Gewitter“ in die Konzentrationslager Sachsenhausen und Ravensbrück verschleppt wurde.

Dennoch war er zumindest in hohem Maße Opportunist, der das NS-System nutzte, um seine Firma aus den roten Zahlen zu holen. Masts Neffe, dessen Vater aufgrund einer Beziehung zu einer Jüdin zunächst das Unternehmen und später das Land verließ, sah in seinem Onkel eine Person, die es verstand „sich mit den Nazis zu arrangieren, ohne selbst Nationalsozialist zu sein“. Nach dem Krieg wurde Curt Mast gar als Widerständler eingestuft und mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Seine Beerdigung im Jahre 1970 fand unter Zurschaustellung aller städtischer Ehren statt.

Eine Aufarbeitung oder gar eine öffentliche Auseinandersetzung mit der Firmengeschichte fand dennoch bis heute nicht statt. Ex-Jägermeister Chef Hasso Kaempfe versicherte anlässlich des 125-jährigen Firmenjubiläums, er hätte Historiker beauftragt, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Die Resultate der Forschung lägen der Familie Mast vor. Diese sperrt sich aber bis heute gegen eine Veröffentlichung der Ergebnisse. Zu oft würde der Name Göring fallen. Das Firmenarchiv bleibt verschlossen und das, obwohl das Unternehmen steif behauptet, alle Akten zur Firmenchronik seien im Krieg verbrannt. Auch auf der Internetpräsenz des Unternehmens bleibt unter dem Punkt „Historie“ das Kapitel NS-Zeit verschlossen. Dafür wird in aller Ausführlichkeit berichtet, wie Curt Mast verschiedenste Flaschen fallen ließ, um schließlich die stabilste unter ihnen auszuwählen. Ohnehin gleicht die besagte „Historie“ eher einer vereinfachenden Darstellung des Herstellungsprozesses und hat mit der Jägermeister-Geschichte wenig zu tun. Die Namensgebung wird mit dem „Geiste“ der „edlen“ Jägertradition begründet. Über den Verbindungen zu den Nationalsozialisten liegt ein Schleier des Schweigens.

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