12.08.2012: Es wird hell in Vorpommern – Fest gegen die Präsenz von 1.500 Nazis (Schätzung der Polizei/21.00 Uhr 11.08.) die sich in Pressefreiheit übten- und das Bündnis macht auch in Zukunft eine gute Figur – ein persönlicher Nachbericht aus Pasewalk

Seit 12 Jahren mache jetzt meinen Job („Mut gegen rechte Gewalt“ – bis 2003 und „Laut gegen Nazis“ – seit 2004). Das Ziel unserer Arbeit war immer, Zusammenschlüsse gegen den wachsenden Rechtsextremismus für demokratische Werte zu schaffen. Gestern war ein großer Tag. Ein großer Tag vor Allem für das Aktionsbündnis „Vorpommern: weltoffen – demokratisch – bunt“, dessen Mitglied wir sind und dessen Arbeit wir seit 4 1/2 Wochen mit vielen Meldungen und Aufrufen unterstützten. Hätte man mir vor etwa einem Jahr gesagt in der Region „Vorpommern“ bewege sich etwas, mit Verlaub, hätte ich es nicht geglaubt. Verschrien als „Dunkel-Deutschland“ war das Gebiet zwischen Ostsee und Brandenburg – zwischen Polen und Rostock. Immer wieder hatten wir den Eindruck, dass die tolle Arbeit der langjährig dort tätigen Initiativen und Menschen wie Günther Hoffmann aus Anklam, nicht bei den Bürgerinnen und Bürgern ankam und rechstextremistisches Gedankengut eine höhere Präsenz hat. Dieser Eindruck ist seit viereinhalb Wochen wie weggeblasen. Wahnsinn, was wir gestern direkt in Pasewalk/Viereck erleben durften. Eigentlich das, wofür wir seit so vielen Jahren überall in Deutschland kämpfen und werben, hat das Bündnis in Pasewalk geschafft. Jung und Alt, Familien, Parteien, Vereine (2.000 Menschen) waren gestern auf den Beinen, um den ca. 1.500 Nazis beim Pressefest der „Deutschen Stimme“ zu sagen: „Wir wollen Euch und Eure Menschenverachtung nicht mehr haben“. Grandios! Beeindruckt von diesem Ergebnis, möchte ich von gestern berichten.

Als ich am 05. Juli 2012 zum ersten offiziellen Treffen des Aktionsbündnisses „Vorpommern: weltoffen – demokratisch – bunt“ fuhr, war ich bereits tief beeindruckt. Hatte dieses Bündnis doch tatsächlich geschafft über 100 Menschen zu mobilisieren, die Willens waren und auch heute noch sind, sich den rechtsextremistischen Menschenverächtern in der Region „Vorpommern“ endlich entgegenzustellen. Dies empfand ich als Triumph für die Initiativen vor Ort die teilweise seit über 10 Jahren aktiv sind. Ich war erstaunt, als das Bündnis anfing zu arbeiten. Mit einer wahnsinnigen Professionalität wurde geplant, organisiert und das auf den Weg gebracht, was wir gestern so schön als Endergebnis erlebten. Auch die Politik war sich überparteilich einig „Es reicht!“- wir müssen handeln ist das Motto. Selbst die Präsidentin des Landtages-Mecklenburg und alle Bürgermeister in der Region Vorpommern konnten in das Boot geholt werden. Sportlich fair und agil haben Benno Plassmann, Günther Hoffmann und Max Koch sowie ein großes Team, Menschen angerufen, angemailt fast schon positiv penetriert, um dieses gestrige Bündnis zu schaffen. Auch „Laut gegen Nazis“ und „Netz gegen Nazis“ konnten sich dieser Aufforderung nicht erwehren. Respekt vor soviel Sportlichkeit und vor Allem ein großes“Dankeschön“.

Demokratiemeile/Menschenkette und die Nazis mussten dadurch

Der Berichterstattung aller bundesweiten Medien betreffend des Erfolges der Menschenkette, konnte gestern niemand entgehen. Ob „Tagesschau“, „Heute“, Spiegel Online, Rundfunk-alle waren sich über den Erfolg in Pasewalk/Viereck einig.

Nun, ich habe schon viele Kundgebungen, Naziaufmärsche und Aktionen erlebt. Das gestern, war ein für mich emotionales Highlight. 2.000 Menschen auf 3,5 km Hand in Hand. Nur wenige Meter weiter entfernt feierten die Nazis ihr Fest. Und vor Allem hatte das Ganze noch einen wahnsinnig ungewöhnlichen Tenor. Die Nazis hatten von den Behörden als Anfahrtsweg nur die B109 genehmigt bekommen, also genau dort wo die Demokratie so schön und bunt zelebriert wurde mussten sie durch, um zu ihrem Ziel zu gelangen. Klar, der übliche Fuckfinger aus fahrenden Autos in Richtung der vielen Bürgerinnen und Bürger, sowie den zahlreichen Institutionen gehörte natürlich zum Bild. Allerdings mit der Wirkung, dass dies belächelt wurde.

Kurios war die Situation, als mein Kollege und ich die Straße entlang liefen und wir sieben Rechtsextremisten quasi im Pulk über die Meile marschieren sahen. Keine Provokation sondern eher fröhliche Häme schlug diesen Nazis entgegen, die sich irgendwie auch nicht trauten zu reagieren. Schön. Das ganze ohne Gewalt!

Das anschließende Stadtfest in Pasewalk bot allen Beteiligten ein umfangreiches Programm zum Ausklang des Zeichens auf der Straße.

Die Nazis und ihre Pressefreiheit – Friedfertigkeit von „Oben“ angeordnet?

Die Nazis luden alle (Betonung liegt auf „Alle“) Pressevertreter auch auf ihr Fest. Krass, man bot also Einblicke in die von Nationalismus und rechtsextremistisch verseuchte Welt der Menschenverächter. So ganz wohl war mir nicht, als mich ein Lokalsender mit dem Auto direkt vor die Tür des Pressefestes fuhr. Sechs Ordner, die nicht gerade einladend aussahen empfingen jeden Journalisten. Diese führten die Kolleginnen und Kollegen dann direkt auf das „Deutsche Stimme“ Festgelände und begleiteten natürlich auch jeden Schritt. Für mich völlig absurd, hatte ich doch Dresden, Altenburg, Gera, Bad Nenndorf, Hamburg 2008 im Kopf, Veranstaltungen bei denen Hetzjagden von den Nazis auf Journalisten veranstaltet wurden oder diese massiv unter Gewaltandrohung standen. Wahnsinn. Was wollten die uns gestern damit sagen. Weltoffenheit?-Nein, ganz bestimmt nicht. Auf jeden Fall hatten die Nazijünger wohl von ihren Führern die Anweisung erhalten friedfertig zu bleiben. Unvorstellbar, wie das funktionierte, weder die Nazis auf der Demokratiemeile noch direkt bei deren Fest, wendeten ihre sonstiges Bedrohungs-Gebährden an.

Wo war eigentlich der schwarze Block der Antifa?

Wir trafen auf dem Weg zum Nazisfest zwei Jugendliche. Die sehr sympathischen Antifa-Anhänger wunderten sich darüber, dass kein schwarzer Block, keine Blockaden (obwohl die doch einfach gewesen wären) stattfanden. Sie waren sehr gut drauf, weil sie aus Pasewalk kamen und dort leben und das Engagement des Bündnisses klasse fanden. Völlig unverständlich zeigten sie sich trotzdem. Irgendwie hatten sie gehofft, dass Gruppen aus Berlin oder Hamburg nach Pasewalk/Viereck kommen.

Ein Gespräch mit einer Zivil-Polizistin direkt vor dem Gelände des Nazifestes

Gegen 21.00 Uhr wurde es in Pasewalk auf dem Stadtfest ruhiger. Wir nahmen die Gelegenheit wahr, um noch einmal zum Gelände des Nazi-Pressefestes zu fahren. Dort angekommen trafen wir die Kripo und einige Beamte an, die das Geschehen beobachteten. Darunter eine Frau in Zivil, die zu der Einheit gehört die sich um das Thema Rechtsextremismus in der Region kümmert. Sie selbst war bevor sie ihren Job in Vorpommern vor zwei Jahren antrat bei der Bereitschaftspolizei und war ebenfalls andere Naziveranstaltungen mit entsprechend harten Gegenkundgebungen gewohnt. Eine sehr sympathische Beamtin mit der ich länger über den Tag sprach. Überhaupt: Polizei und Behörden unterstützten das demokratische Bündnis bei allen Vorab-Veranstaltungen und den Vorbereitungen zu dem gestrigen Tage.

Ihre Kolleginnen und Kollegen sowie sie selbst seien mehr als nur positiv überrascht, wie friedlich und wirksam die demokratischen Veranstaltungen gelaufen waren. Fast glücklich machte sie diese Feststellung. Nicht weil sie mit der üblichen Gewalt gerechnet hatte, sondern weil sie selbst, seit dem sie ihren Dienst vor Ort angetreten hatte hoffte, dass endlich eine Gegenbewegung zu den in der Region stets präsenten Rechtsextremisten entsteht. Keiner kann es besser wissen als die Beamten, die sich des Themas in Vorpommern widmen. Sie betonte, dass die meisten ihrer Kolleginnen und Kollegen wesentlich öfter durchgreifen würden, wenn sie denn könnten. Aber auch das gehöre zur Demokratie.

Während wir dort also standen, zeigten die Nazis langsam ihr wahres Gesicht. Ein Typ mit einer riesigen MV-Flagge schwenkend, latschte besoffen  an uns vorbei und schrie so etwas wie „Wir sind der neue Nationalsozialismus“, während die Naziband „Faust“ auf dem Gelände auf die Bühne kam und etwas von „die Gutmenschen und der Pöbel da draußen werden (haben wir nicht verstanden)…“ schrie – bei den Beamtinnen und Beamten löste dies ein unverständliches Kopfschütteln aus. Unsere Gesprächspartnerin wünschte sich in diesem Moment uns gegenüber, dass dieses neu gegründete Bündnis „Vorpommern: weltoffen – demokratisch- bunt“ hoffentlich seine Arbeit auch in Zukunft machen wird, denn diese sei bitter nötig um den 1.500 Nazis die dort z. B. feierten, entgegenzutreten. J. M. für LGN

Wir werden dieses Aktionsbündnis „Vorpommern: weltoffen – demokratisch – bunt“ auch bei seinen zukünftigen Projekten von hier aus unterstützen. Weiter so. Wir bedanken uns bei allen Beteiligten, die den Demokratietag in Pasewalk gestern mit Herz geplant und organisiert haben. Weitermachen!!!

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