16.09.2011: Wir sprachen mit Manuel Bauer (Aussteiger und Ex-Nazis) über aktuelle Themen! Entwicklungen in der rechtsextremen Szene – die NPD – die „Autonomen Nationalisten“ – Frauen in der Szene – über Facebook und den Attentäter von Norwegen… – Tiefe Einblicke von Einem, der es wissen muss…Hier das vollständige Interview…

 

Fotos: Der Aussteiger Manuel Bauer 1997-2000

Manuel Bauer war bis 2006 in der rechtsextremen Szene mehr als aktiv. Er fungierte als Kameradschaftsführer, Gründer einer Wehrsportgruppe namens „Racheakt“ und einer paramilitärischen, nazistischen Ausbildungstruppe namens „Bund Arischer Kämpfer“. Er stieg glaubwürdig über das Programm EXIT-Deutschland aus und gibt heute Vorträge und Workshops an Schulen. Zudem engagiert er sich aktiv gegen die rechtsextreme Szene in Deutschland. Manchmal mögen seine Worte aufgrund eines geprägten Jargons daran zweifeln lassen, wer jedoch persönlich mit ihm spricht, erkennt seine Ambitionen und soetwas wie Reue für sein bisheriges Leben. Schon als Person ist Manuel Bauer aufgrund seiner eigenen Geschichte spannend und interessant. Wichtiger erscheint uns, dass er die Mechanismen der Szene kennt und diese erklärt, um zu vermeiden, dass andere auf die menschenverachtende Ideologie der Nazis reinfallen. Manche seiner Sätze klingen bitter und stellen die NPD-Funktionäre und aktiven Nazis eben auch bloß.

Wir befragten ihn  zu aktuellen Themen von der Berlin-Wahl, dem Attentäter in Norwegen, der NPD, der Präsenz von Nazis auf „Social Network“ – Portalen bis zu den „Autonomen Nationalisten“. Hier das Interview:

Die Beweggründe, warum Du aus der rechtsextremen Szene ausgestiegen bist, sind ja durchaus bekannt. Wenn Du magst, würde es uns freuen wenn Du sie uns kurz noch einmal umschreibst und wann das war?

Während meiner Haft wurde ich aufmerksam als ich Gesinnungsgenossen beim Kiffen erwischte. Ein Absolutes No Go in der Rechten Szene- eigentlich.
Diese abtrünnigen Verhaltensweisen waren für mich alles andere als Deutsch und hatte auch nichts mit Deutscher Tugend gemeinsam.
Ich verstand es als Verrat und Ächtung gegenüber den Nationaltreuen Kampfgefährten. Dies glich eher Drogenabhängigen amerikageilen Typen- so empfand ich diese Verhaltensweise. Ich sprach sie darauf an und wurde ihnen gegenüber auch beleidigend.
Es kam zu einer Auseinandersetzung- wobei sich zwei türkische Mithäftlinge mit einmischten und mir ohne das ich es wollte, geholfen haben. Ich degradierte diese sogenannten Kameraden als Abschaum- für mich waren sie nichts anderes als Verräter- draußen die große Schnauze haben, aber hinter verschlossener Tür anders handeln.
Das war im Jahr 2001.
Im Laufe meiner Haftzeit lebte ich ja zwangsläufig mit anderen Mitgefangenen zusammen- auch mit Ausländischen. Wir saßen alle in einem Boot. Man behandelte mich fair und urteilte nicht über mich. Ich freundete mich sogar auch mit einigen Häftlingen an.Während dieser Zeit erhielt ich weder Post noch Besuche von meinen Kameraden. Eine Hand voll Kameraden hielten den Kontakt zu mir- während meiner Freigänge. Immer mehr merkte ich das die Gesinnung und die Szene viele Widersprüche hatte, die ich bis dahin nicht sehen wollte.
Während meines Freigängerstatus wurde ich erneut „Straffällig“. Ich habe Flugblätter entworfen mit Symbolen aus dem dritten Reich. Man bot Mir in der JVA Hilfe an. Ich meldete mich bei Exit- Deutschland, anfangs nur strategisch um ein eventuelles Strafverfahren zu entgehen.
Jedoch merkte ich schnell das diese Leute mir nichts Böses tun wollten. Sie wollten keine Namen- sie interessierten sich für mich als Mensch.
Irgendwann entschied ich mich von Allem zu distanzieren- bezüglich der Szene. Jedoch war mein offizieller Ausstieg erst 2006.

Am kommenden Sonntag wird in Berlin gewählt. Die NPD hat mit klaren „Slogans“ Wie „Gas geben“ und einer neuen „Schulhof CD“ Werbung für sich gemacht und Rückreise-Flugtickets für Menschen mit Migrations-Hintergrund verteilt. Du kommst direkt aus der harten rechtsextremen Szene und warst Kameradschaftsführer und Gründer einer Wehrsportgruppe namens „Racheakt“. Wie sehen die Mitglieder von Kameradschaften und solcher Gruppen die NPD? Ist jene deren Partei, der sie ihre Stimme geben oder gehen echte Rechtsextremisten überhaupt wählen?

In den Strukturen bzw. rechten Strömungen in Deutschland sieht man die NPD als einen verlängerten politischen Interessenvertreter der Szene.
Das politische Konzept und deren Slogans sagt den meisten Szeneanhängern zu. Jedoch wird hier in der Szene immer wieder vor Augen gehalten das die NPD mit V-Leuten bespickt ist, aber auch bei den obersten Funktionären so manche finanziellen Interessen nicht ganz uninteressant sind.
Zudem beherbergt auch die stärkste rechte Partei Deutschlands Mitglieder mit Migrationshintergrund- also sehr Paradox- für diese Partei, bedenkt man die politische Ausrichtung und deren Ziele!!! Hinzu kommt auch noch das so manche NPD Mitglieder eine Affinität zu nicht gerade Deutschen Verhaltensweisen haben, wenn Sie im Puff gehen und mit u.a. schwarzen Frauen ihre Freuden ausleben, oder Bi- Sexuelle Neigungen haben oder im schlimmsten Falle noch Homosexuell sind.
Zudem lässt die NPD ihre Parteizeitung Deutsche Stimme in Polen drucken- wobei sie doch Arbeitsplätze in Deutschland zuerst für Deutsche schaffen möchte???
Die NPD hat ihre Wählerschaft, keine Frage- jedoch übersteigt der Anteil der „Trotzwähler“ gegenüber den „echten Rechtsextremisten“.
Sozusagen könnte man behaupten das man die NPD als Mittel zum Zweck sieht.

Der Verfassungsschutz meldete einen Zuwachs in der Szene der „Autonomen Nationalisten“, die ja durchaus gewaltbereit ist. Du selbst wurdest in einer nazistischen paramilitärischen Organisation namens „Bund Arischer Kämpfer“ ausgebildet und warst anschließend selbst Ausbilder. Welcher ideologischen Grundlagen bedienen sich solcherlei Trainingslager? Mit welchen Vorbildern sind die dortigen Teilnehmer behaftet?Was haben wir von der rechtsextremen Szene in Zukunft in dieser Hinsicht zu erwarten?

Dass die Autonomen Nationalisten in der Szene umstritten sind, das ist für mich ganz klar. Ich möchte es mal so ausdrücken…,
man könnte sie mit den sogenannten „Dönerskins“ ,“Redskins“ oder Sharps vergleichen. Die „reine und echte“ gesinnungstreue Neonaziszene hält nicht wirklich viel von den Autonomen Nationalisten. Das sie gewaltbereit sind ist nicht zu verkennen, jedoch ist dies auch ein anderes Thema- was aber durchaus diskutabel ist.
Die ideologischen Grundsätze in jeglichen Ausbildungs bzw. Trainingslagern sind eigentlich ganz plausibel. Hier sind zu unterscheiden Trainingslager für Kriegsspiele und Trainingslager für nur rein Ideologische Erziehung ( wie „ehemals“ die HDJ Lager).
Im Vordergrund steht hier der Zusammenhalt und das gemeinsame was man macht- um die Gruppe noch mehr ideologisch und emotional zu festigen.
Zudem steht auch im Vordergrund ,die Kameraden „scharf“ zu machen und sie sozusagen für den Kampf zu rüsten damit sie zu jeder Zeit einsatzbereit sind. Diese Leute werden oftmals als Schutztruppe u.a. für Partei- Veranstaltungen angefordert oder sie wirken als „Ausgebildete Schläger“ in einer Demonstration oder bei anderen Aktionen mit. Vorbilder sind u.a. Spezialeinheiten aus Polizei oder Militär aber auch- Militärgattungen aus dem Dritten Reich z.Bsp: die Waffen SS ,oder bekanntere Wehrsportgruppen (WSG), .Bsp:  wie die WSG Hoffmann oder WSG Kühnen. In wenigen Fällen- Radikale Islamisten- jedoch werden hier die „Radikalität“ und deren Ruf hoch angerechnet, teils auch bewundert- da eine konsequente Zielumsetzung erfolgt.
Hinsichtlich dieser Thematik vermute ich, dass die rechte Szene weiterhin solche Lager unterhalten wird. Denn schließlich gelten solche Lager als zuverlässige „Radikale Ideologiefabriken“ bzw. „Erziehungslager“.

Das Attentat von Norwegen wurde in der rechtsextremen Szene unterschiedlich betrachtet. Ist der Attentäter Anders Breivik nunmehr auch zum Vorbild einer gewissen Szene avanciert? Wie siehst Du das?

Ich glaube nicht das der Attentäter von Norwegen Anders Breivik zu einem Vorbild in der deutschen Szene avanciert- jedoch wohl eher in der norwegischen bzw. in der allg. skandinavischen Szene etwas Beachtung erntet. Vielleicht die einen oder anderen finden seine Tat angemessen. Denn immerhin hat er gegen ein wichtiges Kriterium verstoßen- er hat sich u.a. an Kinder vergangen. Das zählt mehr als feige und schwächlich als heldenhaft.

Die Präsenz von Nazis in der heutigen Zeit sieht ja anders aus, als noch vor fünf Jahren. Sie bedienen sich der allgemeinen Jugend-/Subkultur, verkleiden sich bei Kundgebungen wie die Antifa und tragen Markenklamotten. Ein anderer Aussteiger berichtete von einer neuen Philosophie der Naziszene, die da heißt „Du bist Nationalist im Herzen und darfst tragen was Du möchtest bis wir wieder da sind“. Welche Gefahren siehst Du aus diesem neuen Umgang mit der Außenwirkung der rechtsextremistischen Szene in Deutschland?

Die Präsenz der Neonaziszene hat sich sehr wohl gewandelt. Seit 2006 gibt es den Ring Nationaler Frauen (RNF). Die Szene ist definitiv eine Männerbastion und die Frauen stehen bisher in der zweiten Reihe, wobei doch zu erwähnen ist das auch die Frauen vermehrt Leitungspositionen beziehen. Das hat unter anderem auch ein Psychologischen Aspekt.  Das Klischee/ Outfit – Glatze- Stiefel und Bomberjacke ist zwar noch sehr geringfügig vorhanden, jedoch wird es immer mehr verdrängt durch ein „Gesellschaftsfähigeres“ Auftreten. Je nach Alter, Berufsgruppen und Einstellung avancieren die Neonazis sich dementsprechend zu kleiden.
Dass sich die Szene jedoch der allgemeinen Jugend-/Subkultur bedient, ist nicht ganz richtig. Dies ist eher den Autonomen Nationalisten zu zuschreiben.
Denn wenn es so wäre, würde ein wichtiger „Szenemarkt“ und somit auch eine wichtige finanzielle Stütze einstürzen. Zudem bezweifle ich das die „richtigen Neonazis“ sich wie Antifa oder andere Jugend und Subkulturen kleiden wollen würden, da eben auch die optische Zugehörigkeit nicht mehr erkennbar wäre, wobei man sich aber in der Szene für seine Gesinnung bekennt. Unter anderem spielt auch der örtliche Aspekt eine wichtige Rolle.
Es gibt Personen innerhalb der Szene- die sich aufgrund ihrer beruflichen Stellung nicht outen- sei es wörtlich oder optisch. Diese Leute überweisen dann lieber eine Spende an eine rechte Partei oder sind anderweitig  spendabel.
Oftmals sind es auch nur Sympathisanten …mehr auch nicht.
Die Szene ändert sich- man beobachtet genaustens die Entwicklung der Gesellschaft-/ schichten – und deren Bedürfnisse.
Hier liegt auch die Absicht, nicht abschreckend zu wirken, sondern sich als „Freund und Helfer“ zu präsentieren.

„Social Network“ ist das aktuelle Thema in der Gesellschaft. Facebook ist hier die größte Plattform mit 22 Millionen Usern in Deutschland. Wie wichtig ist dieses Portal für die rechtsextreme Szene wirklich? Wir hatten mehrere hundert Profile von einzelnen Nazis, Organisationen und entsprechenden Gruppen bei dem Betreiber unter großem Medienaufwand gemeldet. Facebook hat zwar reagiert und gemeldete Profile wurden innerhalb von 24 Stunden gelöscht, aber nützt dies wirklich etwas?

Das Internet oder wie es szeneintern genannt wird -Weltnetz- ist eine effektive Errungenschaft. Denn immerhin werden in anderen Ländern Internetseiten mit offensichtlichen Äußerungen eher geduldet, wie es hier in Deutschland der Fall ist. Was wiederum heißt, dass ein Austausch und die Verbreitung im Internet durchaus sinnvoll ist. Zudem können diese Seiten über andere Anbieter verlinkt werden- wo keine Strafverfolgung zu befürchten ist.
Man bemüht sich keine allzu offensichtlichen Parolen oder Aufrufe veröffentlichen. So können die Betreiber weiterhin ihre Botschaften verbreiten und erhalten einen klaren Vorteil für die Szene, da sie so effektiver fungieren kann. Dies ermöglicht der Szene im großen Stil Nachrichten in kürzester Zeit zu verschicken.
Hinzu kommt noch, das man sich nicht öffentlich zeigen muss- man ist also „unsichtbar“.
Auch wenn Betreiber von Internetplattformen solche Profile löschen, hat es nur einen geringfügigen Erfolg. Die Szene lässt sich nichts verbieten- wird daher kaum um Erlaubnis fragen und es immer wieder versuchen. Nennenswertes Beispiel: Störtebeckers Altermedia Infoportal!!!

Du sagtest, Du verfügst durchaus noch über Möglichkeiten zu ersehen, wie die rechtsextreme Szene ihre Veranstaltungen und Aktionen über gut geordnete Netzwerke im Internet plant. Wir nehmen an, dass die eben auch über diverse „Social Network“ Profile funktionieren. Wie stark ist nach Deinem Empfinden die Wirkung der Präsenz von Nazis im Internet? Wie sehen die Ergebnisse der Aktivitäten der Szene praktisch aus?

Das ist durchaus richtig. Es ist tatsächlich so, dass bestimmte öffentliche Aktionen und Veranstaltungen über diverse Social Network Profile funktionieren und verbreitet werden. Dies bezieht sich hauptsächlich auf öffentliche Veranstaltungen und Aktionen- z.B. Demonstration, Gedenkmärsche oder ähnliches.
Jedoch weiß man, dass man unter Beobachtung steht- d.h. der Feind hört mit.
Die Ergebnisse der Aktivitäten der Szene sind unterschiedlich- mal sind sie von Erfolg gekrönt oder auch nicht.
Fakt ist- man ist vorsichtig- zeigt aber Präsenz und Aktivitäten.
Projekt Future- ein Recherchedienst mit dem ich sehr eng zusammenarbeite verfolgt gezielt u.a. solche Aktivitäten- wodurch hierzu ein reger Informationsfluss
gegeben ist.

Manuel Bauer

http://www.manuel-bauer.eu/

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