Jahresrückblick unseres Kampagnenleiters: Nazis – Wirtschaftskrise – Klimawandel – ein Jahr auf das wir stolz sein können?

erde3 Die Erde brodelt

Wie war das noch? Wir haben die Zeit der Besinnlichkeit und des romantischen Rückblicks auf ein vergangenes Jahr. Zur Jahreswende ist ja bekanntlich alles anders. Weihnachten, Beschaulichkeit, Romantik und heile Welt. Ich will das garnicht zu kritisch betrachten. Vielleicht tut diese Zeit den Menschen wirklich gut. Zwei Wochen Traumleben fernab von der Realität-schön. Auch ich besinne mich auf das was war und das was werden wird, mache ein paar Tage frei um Energie zu tanken und dann neue Aufgaben anzugehen und Altlasten abzuarbeiten. Das ist ohne Zweifel ein schöner Zustand. Im Zuge meines Rückblicks auf das Jahr 2009 muss ich jedoch feststellen, dass mich der allgemeine Zustand hier auf unserem Planeten und in unserem Lande nicht beruhigt. In diesem Jahr konnten wir Schlagzeilen lesen, die in den achtziger und neunziger Jahren noch als Utopie galten. Abgesehen davon, dass man damals kein Internet kein Handy hatte und sich medial zuhämmern konnte. Da gab es ja nur eine handvoll TV Sender bei denen man sich informieren konnte und Aufklärung über aktuelle Entwicklungen erhoffte. In meinem Jahresrückblick schaue ich auf Schwerpunkte, die hängen geblieben sind.

bankenkrise

Die Banken-/u. Wirtschaftskrise:

Bis zum Sommer 2008 stellten Wirtschaftsfachleute und Politik rosige renditenreiche Prognosen. Die Börse und Unternehmen die heute bereits Insolvenz angemeldet haben oder mit Kurzarbeit weiter existieren, standen im Mittelpunkt der medialen Bearbeitung. Tolle Zeiten versprach man der westlichen Welt. Reichtum, Wohlhaben und unendliche Weiten des deutschen Selbstbewusstseins. Größtes Exportland mit tollen Managements in Banken und Großunternehmen sollten uns in eine glorreiche Zukunft steuern. Och-wie schön. Plötzlich flogen Spekulanten auf, die unser brav in Sparverträge und Depots eingezahltes Geld bei Immobiliengeschäften in Amerika in den Wind schossen. Unsere Bundeskanzlerin, damals noch Leiterin einer großen Koalition mit der SPD schockte mit der Erklärung, das Jahr 2009 werde das schwerste Jahr in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Alle Bürgerinnen und Bürger sollten sich darauf einstellen. Sippenhaft für alle, obwohl die Führungsetagen doch verantwortlich waren. Die Banken stürzten ab. Und weil die ja wichtig für das weltweite Gleichgewicht der Wirtschaft seien, müssen sie gerettet werden. Einer der großen Wirtschaftsfachleute Deutschlands wünschte sich für die armen geläuterten Bankmanager gar psychologische Hilfe, um mit dem durch die Krise entstehenden Druck umgehen zu können. Die Armen-hatte ich damals gedacht. Sie gaben unser Geld mit warmen Händen aus und haben jetzt einen Kopfschaden. Hola.

Dann wurde kräftig aufgeräumt und eingeräumt, dass jetzt alle sparen müssten. Gleichzeitig ging OPEL pleite, deren Zukunft ist immer noch ungewiss und wir erlebten wie sich Politiker in Rüsselsheim und Bochum die Klinke mit Rettungsversprechen (die sehr teuer sind) vor der Bundestagswahl in die Hand gaben. Wow-was für ein Einsatz. Fast gleichzeitig meldeten Unternehmen wie Schiesser (bekannt durch Feinripp Unterwäsche) und Märklin (ich hatte damals eine Minitrix Eisenbahn) Insolvenz an. Ein Banker erzählte mir neulich, dass es im letzten Halbjahr 2009 wohl 38% mehr Insolvenzen im Vergleich zum Vorjahr geben wird. Wo sind die wunderbaren Träume aus 2008 bloß geblieben. Wie weggepustet. „Such as Life“ könnte man sagen. Ein Problem sehe ich dann doch. Die Spekulanten, die im letzten Jahr das schöne Geld in den Wind schossen, erholen sich langsam wieder und in der Bankenstadt Frankfurt feiern diese wieder ihre Afterwork Partys mit Wein, Weib und Gesang während der Rest untergeht. Naja, wir brauchen sie eben. Da muss man dann auch mal ein paar Milliarden zur Rettung investieren oder? Frage ist nur, wie wollen wir denen, denen es wirklich schlecht geht, solcherlei Vorgänge erklären? Neulich Nacht fuhr ich auf der Autobahn von Süddeutschland nach Hamburg und hörte Deutschlandfunk mit einer Kurznachricht, die besagte: „Jeder Siebte in Niedersachsen lebt an der Armutsgrenze“- abgesehen von den anderen Bundesländern. Herzlichen Glückwunsch und ein schönes neues Jahr 2010 an die Broker und Banker. Weiter so! Die Frage ist für mich, wieviele Menschen wir in extremistische Richtungen treiben. Eine dieser Richtungen, ist mein Tagesgeschäft und wir spüren einen deutlichen Zuwachs der Frustrierten.

Afghanistan ist doch kein Kriegseinsatz:

afghanistan-2 Aufbau in Afghanistan?

Also, wenn ich das denn richtig verstanden habe, bauen deutsche Soldaten gemeinsam mit Soldaten anderer Nationen Afghanistan wieder auf, bilden Polizeikräfte aus und wollen die Zivilgesellschaft des Landes der Demokratie nahebringen. Mmh, um Zivilisation in ein Land zu bringen, sollte man sich (wie der Mann auf dem Bild) entsprechend kleiden und entsprechende Ausrüstung mit sich führen. Richtig? Aah, jetzt vertehe ich, warum ein General über den armen gescholtenen Ex-Verteidigungsminister Jung 2008 einen Tapferkeitsorden für die Soldatinnen und Soldaten, ganz nach deutscher Tradition einführen wollte und dieser mittlerweile meines Wissens durch Bundespräsident Köhler legitimiert wurde. Also, für den Aufbau des Landes und die Leistungen des dort eingesetzten Personals. Aber auch unser aktueller Verteidigungsminister von Guttenberg spricht von humanitären Einsätzen und stellt sich schützend über Generäle, die Tanklaster bombardieren lassen und kommt ins Wanken. Immerhin, um festzustellen warum bei diesem Angriff auch Zivilisten gleich mitbombardiert wurden, richtete man jetzt aktuell einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss ein, anberaumt für ungefähr ein Jahr, um die Sache zu klären. Vielleicht sollte Politik auf die hören,die direkt vor Ort sind. Kriegseinsatz oder Kampfeinsatz? Die Soldatinnen und Soldaten in Afghanistan sagen deutlich, wie sie ihre Rolle dort sehen. Sie sprechen offen über einen Kriegseinsatz, zumindest in den Interviews, die ich gesehen habe. Mit anderen Worten, die Bundeswehr, die eine Armee aus Zivilisten laut Grundgesetz darstellt und zu reinen Verteidigungszwecken der Bundesrepublik Deutschland legitimiert wurde, befindet sich aktuell weit weg von hier in einem massiven Kampf-/Kriegseinsatz. Wie soll ich das jetzt deuten-wegen des Bündnisses, dem wir angehören, eine Selbstverständlichkeit? Oder ist es doch das Bestreben, wieder im Weltgeschehen mitmischen zu können?

Klimawandel-kein Problem!

meer

Heute ereilte mich eine Kurzmeldung. Die Deiche in den Küsten – Bundesländern sollen kurzfristig um mehrere Meter erhöht werden. Nun, wenn der Meeresspiegel steigt, bauen wir die Deiche eben einfach etwas höher. Tolle Lösung. Wenn denn 191 Staatspräsidenten in Kopenhagen zusammentreffen und sogar ob der aktuellen Situation Nachtsitzungen unternehmen, um eine Einigung zu dem CO2 Ausstoss weltweit zu treffen und an sich bzw. am Geld scheitern, dann müssen wir halt andere Wege gehen. Deiche erhöhen, einen Ganzjahres-Bikini für die steigenden Temperaturen in Deutschland kaufen, hoffen, dass hier bald Palmen wachsen und alles ist gut. Der Mensch ist ja anpassungsfähig. Wenn die Malediven, Bangladesh und andere Gebiete der Welt im Schlamm und Wasser aufgrund von Nichteinigungen derer mit Kapital versinken, dann ist das Pech. So stelle ich mir wahre Verhandlungen vor. Ich schicke vorweg, dass auch ich Auto fahre, meine Wohnung heize und auch sonst den Komfort aller möglichen Umweltsündermöglichkeiten nutze. Vor knapp 20 Jahren prognostizierten Wissenschaftler bereits einen Klimawandel, Ozonlöcher in der Atmosphäre und massive Probleme in Bezug auf die Zerstörung der Erde. Naja, da haben alle gedacht-das sind doch Spinner. Manchmal wird man eines Besseren belehrt. So jetzt wohl geschehen. Besonders attraktiv finde ich Menschen, die in Zusammenhang mit dem prognostizierten und bereits stattfindenden Klimawandel behaupten, dies sei ein normaler Vorgang im Zyklus der Weltgeschichte. So so, na dann bin ich ja beruhigt und mache weiter wie bisher oder?

Zu meiner eigentlichen Aufgabe

LautgegenNazis_Logo

Seit mittlerweile knapp zehn Jahren beschäftige ich mich mit der Entwicklung und dem Wachstum in der rechtsextremen Szene und der damit verbundenen Nazigeschichte in Deutschland. Das Jahr 2009 war ein Indiz dafür, dass wir ein massives Problem haben, welches weiterhin stärker wird. Von hier aus werden wir dieses Problem nicht allein in den Griff bekommen. Eine sehr erfreuliche Entwicklung ist im Rahmen unserer Kampagne festzustellen. Wir konnten in diesem Jahr eine ganze Menge Dank unserer Unterstützer und Partner in die richtige Richtung bewegen. Prägend war zu Beginn des Jahres der 13. und 14. Februar an dem 7.000 Nazis wie gewöhnlich durch Dresden marschieren konnten und wir gemeinsam mit dem Vorbereitungskreis „GEH DENKEN“ ein bundesweites Signal eines Missstandes versenden konnten. Am 13. Februar 2010 rechnet man mit einem Aufmarsch von 8.000 Nazis in der Stadt. Erstmalig wurden Brücken zwischen den unterschiedlichsten zivilgesellschaftlichen Institutionen gebaut, um dem entgegenzutreten.

Aber auch unser eigenes Jubiläum am 01. August 2009 in Hamburg werde ich nicht vergessen. Ein Highlight für uns alle war unbestritten die mit YouTube/Google Deutschland umgesetzte Kampagne 361 Grad Toleranz, deren Fortführung derzeit besprochen wird. Diese Kampagne war für alle Betroffenen ein emotionales Highlight und wirkte nachhaltig auf das Bewusstsein vieler. Das Bewusstsein dafür, das wir menschenverachtenden Tendenzen entgegentreten müssen.

Vielleicht ist mein kleiner Jahresrückblick, obwohl er klein ist, viel zu groß. Ich könnte noch stundenlang über Dinge die mich in diesem Jahr bewegten, berichten. Aber ich will das Ganze nicht überstrapazieren. Klar ist, dass wir im nächsten Jahr und in weiterer Zukunft, alle eine ganze Menge zu tun haben werden. 2009 war für mich persönlich ein spannendes, manchmal schönes, aber auch (wahrscheinlich wie bei jedem) ein Jahr mit kleinen und großen Erfolgen und Niederlagen. Für 2010 wünsche ich mir natürlich, und das muss jetzt sein, den Aufstieg des FC St. Pauli in die Bundesliga. Und für alle sollte außerhalb des Fußballs gelten „You´ll never walk alone“.

In diesem Sinne bedanke ich mich bei allen, die uns unterstützen und partnerschaftlich mit uns arbeiten und auch bei allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

Bis zum nächsten Jahr und alles Gute. J. M. für LGN

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