Deutschland: Vergessen macht sich breit – von der Schwierigkeit mit der eigenen Geschichte umzugehen – wir haben keine Schuld?

reichsparteitag Damals gab es viele die den Arm hoben

Ab 1945 gab es keine Nazis mehr?

Die Berichte von amerikanischen GI´s und britischen Soldaten, die Deutschland befreiten, sprechen Bände. Ein GI erinnerte sich in einem TV-Interview mit einem Schmunzeln daran, dass er, egal wo er mit seiner Truppe 1945 in Deutschland auftauchte, keine Nazis mehr entdeckte. Schilder wie „No Nazis“ oder „Welcome“ (oftmals falsch geschrieben) säumten deren Weg. All die Menschen, die sie trafen waren innerhalb von Stunden von jubelnden Anhängern Hitlers zu Demokraten geworden. Die Befreiung der Konzentrationslager Bergen- Belsen, Dachau, Sachsenhausen und vieler anderer auf deutschem Boden, sind das dunkelste Kapitel der eigenen Geschichte am eigenen Ort und rufen bei uns Unverständnis darüber auf, dass die direkten Nachbarn der Lager immerwieder behaupteten, sie hätten von dem Treiben darin nichts mitbekommen. Ein Beispiel ist meine Großmutter selbst, die ca. 150 m von dem Portal des Konzentrationslagers Neuengamme bei Hamburg wohnte. Ihr Mann war SS-Angehöriger mit Rang eines Scharführers und ließ sich 1945 mit den Worten „Ich war, ich bin und ich werde immer Nazi bleiben“ von den Allierten vor dem Entnazifizierungsausschuss nicht entnazifizieren. Ich fragte diese Großmutter einmal, ob sie von den Zuständen im KZ Neuengamme nichts mitbekommen hätte. Ihre Antwort war prägend für den Beginn des Schweigens in Deutschland. Sie sagte-„nein, also ich habe da mal komische Leute gesehen-so mit Arbeitskleidung, aber wir dachten,dass seien normale Arbeiter.“

Hierzu muss man wissen, dass die ausgehungerten fast toten Häftlinge aus Neuengamme zu Arbeiten an der Elbe (die fließt bei Neuengamme) unter strenger Bewachung der SS zur Arbeit gezwungen wurden. Ebenso das Ziegelwerk in dem Häftlinge eingesetzt wurden und starben, lag ca. 150 m von dem Wohnort meiner Großmutter entfernt. Von Neuengamme aus wurden Häftlinge in sogenannte Aussenlager der SS in Hamburg verteilt, um unmenschliche Arbeiten (Aufräumarbeiten, Bombenentschärfungen von Blindgängern etc.) für die „Deutschen“ durchzuführen. Diese Gruppen von ausgemergelten, gefolterten Opfern marschierten direkt an dem Haus meiner Großmutter vorbei.

georgsburgcyber_N3MG_7659Ein KZ mitten in Hamburg

Die Geschichte holt uns ein-Der Skandal um eine Gedenktafel in Hamburg – von Beust und Goetsch schweigen:

Eines dieser Aussenlager befand sich in dem Gebäude (ein ehemaliges Tabaklager s. Foto) an der Spaldingstraße in Hamburg, an dem im Oktober 2009 eine Tafel zum Gedenken an 800 dort verstorbene jüdische Häftlinge und weiteren 1.400 für Einsätze im Stadtgebiet eingepferchten Menschen angebracht werden sollte. Der heutige Eigentümer des Hauses ist Deutschlands größte Immobilienfirma IVG. Die IVG ist das Nachfolgeunternehmen der „Verwertungsgesellschaft für Montanindustrie“. Diese Gesellschaft war im sogenannten „Dritten Reich“ dafür zuständig  u. a. den Aufbau von Rüstungsbetrieben im Auftrag der Nazis, in denen KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter sich zu Tode schuften mussten, zu planen und umzusetzen. Genau dieses Unternehmen veranlasste kurz nach der Einweihung der Tafeln, diese ab-/bzw. umzuhängen. Grund sei auch eine Beschwerde des Büromöbelhändlers im Erdgeschoss. Mit dem Argument, die Front des Hauses sei eine Werbefläche. Der Seniorchef des Händlers störte sich daran, dass Menschen nach Hängung der Tafeln Blumen niederlegten und nicht wie üblich in seine Schaufenster schauten, sondern einen anderen Blick hatten. In Absprache mit dem Eigentümer IVG hätte man einen anderen würdigen Ort des Gedenkens gefunden. Man hängte die Tafeln einfach in den Hinterhof des Hauses, der für die Öffentlichkeit nicht zugänglich ist.

Wir fragen uns, wie die Betreiber der Unternehmen IVG und des Büromöbelgeschäftes die Situation aushalten. In den Räumen, in denen heute moderne Büromöbel lagern und verkauft werden, starben 800 Menschen. 800 Menschen, die von den Nazis systematisch umgebracht wurden. Wenn wir Geister rufen könnten, dann würden wir dies jetzt tun, damit die Betreiber beider Unternehmen nicht ein Auge zutun können und um ihren Schlaf geraubt werden. Gewissenlosigkeit und Vergessen jeglicher deutscher Schuld sind Alltag. Übrigens von dem Bürgermeister der Stadt Hamburg Ole von Beust und seiner Stellvertreterin Christa Goetsch vernahmen wir wieder einmal keinen Kommentar zu den aktuellen Ereignissen.

Neuengamme 97b1572a37 Appellplatz KZ-Neuengamme-bis vor wenigen Jahren „Kein Zutritt“

Nutzung ehemaliger Konzentrationslager als Gewerbe und Gefängnis:

In dem berüchtigten „Bad“ des Konzentrationslagers Dachau, welches bereits 1933 für politische Gegner der Nazis betrieben wurde und in dem im Laufe der Zeit auch Juden, Homosexuelle, Sinti & Roma interniert wurden, zog kurz nach der Befreiung ein Unternehmen (Gerberei) ein. Vergessen war sehr schnell, dass in diesen Räumlichkeiten Häftlinge zu Tode gequält wurden. Berüchtigt war das „Bad“ auch für das sogenannte Pfahlhängen, welches von sadistischen Wachleuten der SS durchgeführt wurde. Wie es dem Unternehmen, der Gerberei  heute so geht, wissen wir nicht.

Und wieder Hamburg. Jahrzehnte lang, betrieb die Stadt Hamburg auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Neuengamme eine Jugendvollzugsanstalt. Erst zu Beginn dieses Jahrhunderts wurde diese aufgelöst. Eine Jugendvollzugsanstalt auf einem Gelände auf dem Menschen unter der Herrschaft von perversen Nazis starben, hungerten und litten. Niemand aus der Generation derer, die das „Dritte Reich“ erlebte hatte sich in Hamburg massiv daran gestört. Ich selber, war als Jugendlicher mit meinem Vater Ende der Achtziger am Gelände des Konzentrationslagers Neuengamme unterwegs. Hier gab es keine Gedenkstätte auf dem ehemaligen Gelände des KZ´s selbst. Aus Sicherheitsgründen – dort befanden sich die Werkstätten und die Verwaltung für die Insassen der Jugendvollzugsanstalt.  In Gebäuden, in denen früher Häftlinge eingepfercht waren und von der SS genutzt wurden.

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Der gute Onkel war oft ein Kriegsverbrecher.Erst seit wenigen Jahren werden in Deutschland ehemalige Konzentrationslager der Nazis zu wirklichen Gedenkstätten. Durch die liebevolle Arbeit von Historikern und ehrenamtlichen Helfern. Insgesamt waren diese Orte knapp 60 Jahre ungepflegt und zum Vergessen verdammt. Die sehr interessante Ausstellung zur Geschichte der SS-Kriegsverbrecher in Neuengamme (u. a. auch aufbereitet von dem Historiker Volker Mund), wurde erst vor etwa vier Jahren eröffnet. Diese Ausstellung zeigt neben der Struktur der SS auch auf, wie viele von den Tätern und Mördern wirklich nach dem Krieg strafrechtlich verfolgt und verurteilt wurden. Nur ein Drittel etwa konnte festgenommen und wegen des Verbrechens an der Menschheit vor Gericht gezogen werden. Von diesem einen Drittel wurde nur ein Drittel verurteilt.

Die restlichen Kriegsverbrecher verschwanden in der Mitte der Gesellschaft. wie z. B. mein Großonkel, der den Rang eines „Obersturmbannführers der Leibstandarte SS-Adolf Hitler“ bekleidete. Dieser Mann war bis zu seinem Tode in den achtziger Jahren erfolgreicher Autohändler in Hanau bei Frankfurt. Ich lernte ihn als den „lieben“ Großonkel kennen bis er sein wahres Gesicht zeigte. Ich war „Punk“. Als der mich sah, schrie er: „… sowas wie Dich-hätten wir damals umerzogen, Reichsarbeitsdienst als Strafe zur Züchtigung und und und…“. Ich recherchierte im Bundesrchiv in Berlin zu diesem Mann. Seine Akte hörte irgendwann mitten drin, so im Jahre 1946 auf. Entnazifizieren lassen hatte sich mein Großonkel nie. 

Trauer !3 02 2007 Dresden (319) (2) Nazis in Dresden am 13. Februar 2008

Die Ideologie der Nazis lebt weiter. Bestes Beispiel der Nazi-Anwalt Jürgen Rieger. Der vor kurzem verstorbene Nazi-Anwalt Rieger ist das beste Beispiel für die Fortführung der alten Naziideologie. Diesem sagt man nach, dass er das Erbe vieler SS-Angehöriger verwaltet hat, um die neue rechtsextreme Szene nachhaltig traditionell aufzubauen. Beispielsweise kaufte sich Rieger mit der von ihm gegründeten „Tietjen Stiftung Ltd.“ diverse Immobilien in Deutschland, die zu nationalen Schulungszentren ausgebaut werden sollten. Z. B. Pößneck (Schützenhaus) oder Verden (Niedersachsen/Heisenhof). Die Stiftung wurde nach dem Bremer Altnazi Wilhelm Tietjen benannt. Die Geschichte dessen ist verdunkelt. Tietjen war wohl auch in der SS und vermögend. Rieger hegte sowohl als dritter Vorsitzender der NPD intensive Geschäftbeziehungen zur Partei selbst, galt aber gerade auch als Schlüssel zu gewaltbereiten rechtsextremen Kameradschaften. Rieger arbeitete immer mit alten traditionellen NS-Phrasen, um Menschen zu gewinnen und war Dreh-und Angelpunkt für die Finanzen der neuen Nazis. In Hamburg erlebten wir selbst auf einer Kundgebung, wie ein Unternehmer Riegers Gehilfen Thomas Stürmer Wulf mit einem Scheck ausstattete. Die rechtsextreme Szene hat es auch heute durch so Typen wie Rieger geschafft, in die Mitte der Gesellschaft zu rücken. Zustimmung aus sämtlichen Gesellschaftsschichten sind wieder die Folge. Die rechtsextreme Szene, die mit Rassismus, Antisemitismus und Menschenverachtung agiert, erhält heute wieder neuen Zulauf.

Sensibilisierung der nachfolgenden Generationen. Zeitzeugen sterben. Oft hören wir heutzutage. „Das Ganze war damals.“ “ Ich habe damit nichts mehr zu tun.“ „Was kann ich denn für die Vergangenheit?“. „Es wird Zeit, dass wir uns als Deutsche nicht mehr schämen müssen und wir endlich nicht mehr an die Juden zahlen.“ Dies alles sind Aussagen, die wir im Rahmen unserer täglichen Arbeit registrieren müssen. Aussagen, die Schlimmes erahnen lassen. Bei unserem Wettbewerb „361 Grad Toleranz“, brachte ein Schüler der Gewinner des Videowettbewerbs die Situation auf den Punkt. Claus Kuhlmann beklagte, das die Menschen heute nichts mehr über Nazis hören wollen und erst recht nicht über den aktuellen Rechtsextremismus. Dies sei der Grund gewesen, dass er und seine Mitschüler das Thema „Nazis“ in ihrem Videobeitrag in den Mittelpunkt gerückt haben (s. www.youtube.de/361grad). Sie versuchten Leute in der Fußgängerpassage Gifhorns zu dem Thema zu befragen. Die Mehrheit der Leute reagierte schroff und gab keine Antworten. Ignoranz pur. Zudem forderten die Schülerinnen und Schüler in Gifhorn, dass die Themen NS-Geschichte und aktueller Rechtsextremismus im Schulunterricht in einem Kontext aufgenommen werden. Wir fordern dies auch.

opfer180px-KZ_Neuengamme_Gedenk_Skulptur

Zeitzeugen, die all das Leid und die Unterjochung der Nazis am eigenen Leib verspüren mussten. Überlebende Opfer der typisch deutsch organisierten Mördermaschinerie der Nazis, an der viele viele Deutsche beteiligt waren. Direkt oder indirekt. Zeitzeugen, die ihre Familie durch den Mord von Deutschen verloren haben, werden uns nicht mehr lange Bericht erstatten können. Eine Generation, die langsam ausstirbt. Wenn wir jedoch lernen, dass die Geschichte als Prävention gegen irrläufiges Gedankengut, gegen Antisemitismus, gegen Rassismus und Menschenverachtung genutzt werden kann, dann wären wir auf einem guten Wege. Wenn wir uns bewusst machen, dass auch die nachfolgenden Generationen verantwortlich handeln und die Verbrechen der Nazis immer wieder betrachten müssen, um rechtsextremes Gedankengut in den Köpfen vieler zu stoppen, dann wäre uns allen geholfen.

Die falschen Zeitzeugen, nämlich die Täter und Mitläufer, die nicht mehr hinsehen wollten und immer behaupteten, sie hätten keine Schuld für das, was hier in Deutschland passiert ist. Diejenigen, die sagten – sie mussten nur ihre Pflicht erfüllen, wenn sie Menschen verschleppten und ermordeten. Genau diejenigen prägten 60 Jahre lang unser Land.

Es wird Zeit, dass die Mitte der Gesellschaft gemeinsam und stark gegen den aufkeimenden und stets wachsenden Rechtsextremismus agiert. Seit 1990 starben 143 Menschen durch rechtsextreme Gewalt. 1.113 Gewaltopfer wurden 2008 vom Verfassungsschutz registriert.

Solange in Dresden jährlich bis zu 7.000 Nazis am 13. und 14. Februar unbehelligt und legitimiert aufmarschieren können (und andern Ortes), solange dürfen wir keine Ruhe geben und müssen mahnen und handeln. Das sind wir den Opfern von damals schuldig. Über 55 Millionen Tote im Zweiten Weltkrieg der von den Nazis begonnen wurde, über sechs Millionen durch Deutsche ermordete Juden und unzählige ermordete Sinti & Roma, Homosexuelle & Andersdenkende- sprechen eine deutliche Sprache!

J. M. für LGN

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