Geschichte und Gegenwart: „Ich kann nicht vergessen und vergeben“ (Zitat von Lucille Eichengreen) – Vergessen ist in Deutschland leider einfacher

„Erinnern heißt leben“, so eröffnete Spiegel Online am 30. März 2007 einen Artikel zu den von uns produzierten Hörbüchern im Rahmen unserer Kampagne. Insbesondere das von Stefanie und Andreas von Silbermond gelesene Hörbuch „Von Asche zum Leben“ des Holocaust Opfers Lucille Eichengreen, hatte für eine erhöhte Aufmerksamkeit gesorgt. Einige Wochen später ergab sich die Möglichkeit eines Treffens von Steffi und Andreas mit Lucille Eichengreen in Hamburg. Dieser Termin verursachte bei allen Anwesenden Gänsehaut und machte deutlich, dass es mit der Geschichtsaufarbeitung in Deutschland nicht gerade erfolgreich geklappt hat. Lucille Eichengreen machte in dem Gespräch klar, dass sich bei ihr zumindest niemand offiziell für das angetane Leid welches ihr und ihrer Familie wiederfahren ist, entschuldigt hat. Ihr Vater, Ihre Mutter und ihre Schwester wurden von den Nazis umgebracht. Sie selbst überlebte das Ghetto Lodz, Auschwitz,  das KZ Hamburg Sasel und Bergen Belsen. Sie ging nach Amerika und baute sich ein neues Leben auf. Bis in die Neunziger Jahre hatte sie deutschen Boden nie wieder betreten. Von ihr stammt der Satz „Ich kann nicht vergeben und vergessen“.  Neben dem traurigen Verlust von nahestehenden Menschen wurde bis vor Kurzem auch nie die Frage geklärt, was mit dem persönlichen Besitz und Vermögen der von den Nazis enteigneten und deportierten Juden passiert ist. Hierzu gab am Samstag (24.01.09) eine Dokumentation unter dem Titel „Menschliches Versagen“ von Michael Verhoeven Aufschluss. Zum Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, wäre es wünschenswert, wenn wir alle ein bischen mehr über Konsequenzen der Geschichte nachdenken.

Verhoevens Dokumentation war mehr als anrührend und deutlich. Mehrere Enkel und Kinder von Holocaust Opfern stellten Fragen. Fragen über den Verbleib der persönlichen Gegenstände, die sie aus den von den Nazis annektierten Wohnungen ihrer Eltern und Großväter noch erinnerten. Hier ging es nicht um große Vermögenswerte, vielmehr um Bücher, dem Silberbesteck der Großmutter, die Kleidung die von den Nazis beim Ankommen in Ghettos und Lagern abgenommen wurde. Emotional und erschütternd waren die Fragen nach Spielzeug, nach alltäglichen Dingen, die man jüdischen Bürgern einfach weggenommen hatte.

Einer der Enkel fragte sich, ob die Deutschen sich je Gedanken darüber gemacht hätten, woher die Antiquitäten die noch heute in ihrer Wohnung stehen, stammen. Vielleicht doch von der jüdischen Nachbarfamilie der Großeltern, deren Hab und Gut an normale Bürger versteigert wurden und deren Erlös in die Staatskasse der Nazis floß? Der Finanzamtsleiter in München wusste zu berichten, dass jenes Amt zur Zeit der Enteignungen und der sogenannten Vermögenserklärung jüdischer Bürger mit normalen deutschen Bürgern überfüllt war, weil sie wissen wollten wo die nächsten Versteigerungen in arisierten Wohnungen stattfinden. Quasi eine Schnäppchenjagd. Unvorstellbar ist diese Geschichte für uns. Vielleicht sollten wir uns alle vorstellen, wie es ist, wenn morgen der Staat uns entmündigt und uns ganz persönliche Dinge einfach entreißt, uns selber in den Tod schicken möchte und Nachbarn die nicht betroffen sind schon vor der Tür darauf warten unsere liebgewonnenen, persönlichen und intimsten Dinge zu ersteigern. Gruselig! Abgesehen von der Mordmaschine der Nazis.

Das mit dem „Vergessen“ scheint, so leid uns diese Feststellung tun mag, in Deutschland sehr einfach zu sein. Über die Aufarbeitung der NS-Geschichte im Allgemeinen wollen wir nicht sprechen. Der Münchener Stadt-Archivar berichtet in der Dokumentation, dass erst vor sechs Jahren die sogenannten Arisierungs- und Vermögensakten zur Einsicht freigegeben wurden (mehrere tausend Akten). In diesen Akten sind alle Gegenstände von jüdischen Mitbürgern die anschließend deportiert wurden aufgelistet. Angefangen bei Handtüchern über Kleidungsstücke und Mobilar bis zu Schmuckgegenständen, Spielzeug und allem was persönliche Werte hatte. Diese Listen haben Spalten. In der rechten Spalte wurden die Ersteigerer dieser Gegenstände, meist Nachbarn und in der Nähe wohnende Bürger, mit dem Betrag den sie einsetzten registriert. D. h. nach über sechzig Jahren können wir nachvollziehen, wo der persönliche Besitz von deportierten und ermordeten Menschen gelandet ist. Das ist erschütternd und gleichzeitig ein Zeichen für die Ignoranz von einigen Behörden und Bürgern dieses Landes.

Der Staatsarchivar aus München ergänzte noch, dass an solchen Versteigerungen regelmäßig bis zu 150 Deutsche in den arisierten Wohnungen teilnahmen.

Der Oberfinanzdirektor München, der zur Zeit der Enteignungen und Vermögenserklärungen die Arisierungen verwaltete war übrigens in den Fünfziger Jahren für die Rückführung jüdischen Besitzes im Amt zuständig. Ob er auch für die Freigabe der Akten vor sechs Jahren zuständig war, wissen wir nicht.

Sollte die Dokumetation von Verhoeven mal wieder im Nachtprogramm wiederholt werden, können wir diese zur Bewusstseinserweiterung nur wärmstens empfehlen. Für LGN J. M.

 

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Festival, Fußball, Musik, Politik, Spenden, Verein, YouTube abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.