Johannes Heesters:Geschichtsaufarbeitung nach 63 Jahren-Ein Klassiker: Der liebe alte Mann von nebenan-„ich weiss es wird einmal ein Wunder geschehen“

 Foto: Quelle-www.mut-gegen-rechte-gewalt.de

Mein Gott, was sind wir doch für Blitzmerker. „Skandal“ titeln heute diverse Tageszeitungen. Johannes Heesters (105 Jahre alt) fand den Adolf toll und könnte somit die Nazis doch ganz super gefunden haben. Auf dem obigen Foto befindet sich die Unterschrift des so allseits beliebten Schauspielers und Sängers, der unter dem Reichspropaganda Minister Joseph Goebbels bei den Nazis richtig Karriere machte. Der zu sehende Brief war im Übrigen damals an Goebbels selbst gerichtet, weil Heesters ihn darum bat mehr Filme drehen zu können (mehr hierzu auf www.mut-gegen-rechte-gewalt.de). Goebbels soll ein begeisterter Anhänger von Heesters gewesen sein, weil dieser die Soldaten und die Bevölkerung des Reiches so schön zum Schmunzeln gebracht hat, während die Städte schon in Trümmern lagen. Und viele Deutsche haben geglaubt, der Johannes sei ja nur ein Sänger und Schauspieler. Welch ein Irrtum, dem leider sehr viele unterlegen waren, wenn es darum ging deutsche Geschichte aufzuarbeiten. Neben Heesters haben einige große deutsche Schauspieler im Rahmen der notwendigen Propaganda der Nazis ihr Sprungbrett gefunden. Kurios ist bei Heesters lediglich, dass er aus den Niederlanden kommt und dort gar kein gern gesehener Gast mehr war. Ein Wunder? Nein, denn dort haben die Deutschen für die er gesungen und gespielt hat gebrandschatzt, Menschen umgebracht und jüdische Bürger in die Vernichtungslager deportiert.

Mir fallen da noch diverse andere Namen ein, bei denen nach 1945 besser nicht nachgefragt wurde. Wie war es zum Beispiel mit unserem großen Volksschauspieler Heinz Rühmann, der mindestens genauso viele tolle Preise bis in das hohe Alter erhalten hat. Ein Mann, der sich für Goebbels gar von seiner halbjüdischen Frau trennte, um weiter seiner Kunst der Schauspielerei nachzugehen und laut Aussage meines Großvaters (der im Übrigen SS-Schahführer war), 1943/1944 mit seinem offenen Mercedes durch die Trümmerstadt Hamburgs fuhr, um die Bevölkerung für den Endsieg zu motivieren. Mein Großvater empfand dies als große Leistung an der Heimatfront. Aber auch Frauen stehen nicht hinten an. Da wäre Zarah Leander, die das „R“ so schön rollte  wie der Adolf und heute noch abgefeiert wird. „Ich weiss es wird einmal ein Wunder geschehen“ sang sie 1942 „und es werden tausend Träume wahr“. Na super, da haben wohl doch noch viele glauben können, dass Deutschland den Zweiten Weltkrieg noch für sich entscheidet. Oder war das „Wunder“ nur auf den Film, in dem sie dieses Lied sang, bezogen?

Die für mich bizarrste Figur, war die Filmemacherin Leni Riefenstahl, der man sogar ein Verhältnis mit Goebbels nachsagte und die großen Propagandafilme der Nazis (z. B. Olympia, Triumph des Willens/Nürnberger Reichsparteitag) produzierte und dem Führerkult unterlegen war. Leni Riefenstahl fand in den 90er Jahren gar eine Wiederauferstehung. Intellektuelle entdeckten sie als große Künstlerin wieder. z. B. ein Verleger für den ich arbeitete und angeblich Kunst verehrte. Dieser hatte sich in seinem Büro ein A0 (das ist ziemlich groß) Plakat mit einer Szene aus dem Nazi-Propaganda Film Olympia anfertigen lassen und rechtfertigte dies mit dem großen künstlerischen Auge der Riefenstahl.  Tja, da wurde in den letzten Jahren nicht allzuviel nachgefragt. Riefenstahl selber hätte zu Ihrer Nazi-Vergangenheit allerdings auch keine Antworten gegeben.

Das Phänomen des Leugnens:

Ich kenne das Leugnen und Liebäugeln mit den Nazis und dem Adolf nur zu gut. In meiner Familie glänzten zwei Großväter und ein Großonkel mit ihrer eigenen Vergangenheit. Einer hatte sich nach dem Krieg garnicht erst entnazifizieren lassen und lallte bis zu seinem Tode (1978) immer noch etwas von dem Glanz des Führers, der Zucht und Ordnung. Ein SS-Schahführer, der  sich zudem damit brüstete im Warschauer Ghetto erfolgreichen Dienst verrichtet zu haben. Da fragte ich dann lieber nicht mehr nach. Erst als ich Jahre später im Bundesarchiv Berlin die Akten einsehen durfte, wurde mir klar, dass mein Großvater ein Mörder war. Dieser lebte bis zu seinem Tode jedoch Tag ein Tag aus als schlichter normaler Bürger in Hamburg.

Auch die Geschichte meines Großonkels spricht für sich. Ein erfolgreicher gut situierter Autohändler aus Hanau, der ja (so sagten meine weiblichen Verwandten) so charmant lächeln konnte, versteckte auf offener Straße und in Gesellschaft seine eigene Vergangenheit sehr gut. Dieser war hoher Offizier der „Totenkopfgarnison Leibstandarte Adolf Hitler“ der SS. Nur innerhalb der Verwandtschaft zeigte er sein wahres Gesicht. Ich war mit 14 Jahren schon Punkrocker. Dieser Großonkel versuchte mir den Stolz seiner Vergangenheit zu vermitteln. Als er merkte, dass dies nicht so gut ankam-wollte er mich in ein Reichsarbeitslager zur Züchtigung stecken. Mann oh mann, da hatte ich ja richtig Glück, dass diese Ende der 80er/zu Beginn der 90er nicht mehr existierten. Die Frau des SS-Schahführers, also meine Großmutter, wohnte im Übrigen ca. 100 m vom Portal des Konzentrationslagers Neuengamme entfernt. Sie ist sehr alt geworden und starb erst vor zwei Jahren mit über neunzig Jahren. Oft habe ich sie gefragt, ob sie das Treiben in Neuengamme wahrgenommen habe? Sie antwortete mir stets, sie hätte da überhaupt nichts von mitbekommen-da waren zwar Leute in so komischen Häftlingskleidungen, aber die haben da ja nur gearbeitet. Bei der Nachfrage nach meinem Großvater, machte sie mit den Worten“der hat nur seinen Dienst verrichtet“ sofort dicht.

Hierzu fällt mir noch ein Interview mit einem amerikanischen GI ein, der berichtete, dass er sich auf dem Weg durch Deutschland im Frühjahr 1945 doch sehr gewundert hätte, Überall (er lächelte dabei) wo er mit seiner Kompanie hinkam, sprangen ihn die Leute fast an und malten Zettel auf denen Stand „No Nazi“ oder stammelten permanent „Ich nicht Nazi“.

Also, wer wollte denn nun wirklich glauben, dass Johannes Heesters sich nicht auch in den Führungskreisen der Nazis bei Wein, Weib und Gesang bewegt hätte. Ich glaube eher, viele wollten dieses Stück seiner Vergangenheit lieber nicht wissen-der ist doch so charmant.

Geschichtsaufarbeitung und die Anerkennung der eigenen Schuld als Täter oder Mitläufer fiel den alten Männern und Frauen, die den nationalsozialistischen Staat zwischen 1933 und 1945 mit prägten, schon immer schwer. Allerdings mit bitteren Folgen. Der Hamburger Nazianwalt Rieger z. B. soll angeblich über das Vermögen vieler alter SS Kameraden verfügen und damit die neue rechte Szene in Deutschland aufgebaut haben. Mit dem Ergebnis, dass wir heute stets Steigerungsraten bei den Rechtsextremen erleben.

Aktuell hatte mich mein Besuch auf dem Heidefriedhof Dresden (Bericht hier auf dem Blog zu finden) in Bezug auf die Geschichtsaufarbeitung geschockt. Eine Gedenkstätte bei der Holocaust Opfer mit den Bombenopfern Dresdens in einen Topf geworfen werden. Eine Stadt, in der am 13. und 14. Februar jährlich 5.000 bis 6.000 Nazis aufmarschieren. Hier noch einmal unser Appell „GEH-DENKEN“, der sicherlich auch zu dem Thema Aufarbeitung der Geschichte paßt. Für LGN J. M. 

 

 

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